Über das Phänomen dunkler, apathischer und verendender Bachforellen wird aus Bayern und der Schweiz – dort unter dem Begriff "Schwarzforellenkrankheit" bekannt - seit Anfang der 80er Jahre berichtet. Auch aus Österreich und Liechtenstein gibt es Beobachtungen dieser Art. In der Schweiz wurden zum allgemein dokumentierten Rückgang der Bachforellenfänge umfangreiche Untersuchungen angestellt. Bereits 1987 wurden dort Hälterungsversuche mit Rheinwasser durchgeführt, in welchen die typischen Symptome der Erkrankung der Bachforellen reproduziert werden konnten, ohne eine Ursache ausmachen zu können. Infektionsversuche blieben ohne Ergebnis, die ominöse Erkrankung schien nicht übertragbar zu sein. 1999 wurden im Rahmen des breit angelegten Projekts „Fischnetz“, welches zur Klärung der Ursachen des Rückgangs der Bachforelle in der Schweiz ins Leben gerufen wurde, im Kanton St.Gallen Expositionsversuche mit vorgeschalteten Filtern an einem Zulauf des Alpenrheins durchgeführt. Hierbei erkrankten und verstarben die Fische in der Folge, die Sand- und Aktivkohlefilter erwiesen sich überraschend als wirkungslos (Schlussbericht Fischnetz, 2004). 

Die ersten Untersuchungen des Landesfischereiverbandes Bayern fanden 1997 in Form von Datensammlungen statt. Seit dem Jahr 2000 wurden Expositionsversuche an verschiedenen Standorten an der Iller im Raum Kempten, aber auch an Ammer, Mangfall, Isar und einigen anderen Gewässern in enger Kooperation mit dem Landesamt für Umwelt (LfU) in Wielenbach und dem Fischgesundheitsdienst in Grub durchgeführt. Die sehr aufwändigen Expositionsversuche an der Iller 2003 und 2004 waren ein Gemeinschaftsprojekt des Wielenbacher Instituts (damals noch dem Landesamt für Wasserwirtschaft zugehörig) und des LFV Bayern mit finanzieller Unterstützung durch das BStMUGV. Hierbei wurden die schweizer Versuchsanordnungen mit vorgeschalteten Wasserfiltern in modifizierter und erweiterter Form wiederholt und bestätigt. Es konnten zudem umfangreiche klinische, histopathologische und serologische Daten gewonnen werden. Auch wurde damals die UV-Bestrahlung des Illerwassers als bislang einzig bekannte wirkungsvolle Methode zur Verhinderung des Bachforellensterbens entdeckt.

Seit 2005 wurde auch das Friedrich-Löffler Institut (FLI) auf der Insel Riems seitens des LfU, Wielenbach in die Untersuchungen mit einbezogen. Hier sollte vor allem die Suche nach krankheitsauslösenden Viren oder Bakterien mit modernsten Mitteln vorangetrieben werden, doch auch immunologische und immunhistologische Untersuchungen gehörten zum Forschungsprogramm. Infektionsversuche mit Material aus erkrankten Bachforellen wurden im Rahmen einer Diplomarbeit am FLI ebenfalls durchgeführt. Weiterhin wurden in Kooperation mit der TU München- Weihenstephan Untersuchungen seitens des LFV Bayern finanziert. Dies betraf einerseits Kartierungen und Fischbestandserhebungen an zwei vom Bachforellensterben betroffenen Flussabschnitten unter Einbeziehung von Eintragswegen und Landnutzungen, andererseits die Etablierung eines biologischen Testsystems auf der Basis von Bachforellenleberzellen zum Nachweis zelltoxischer Substanzen im Flusswasser.  

Versuchsstandorte 

Die vorangegangene knappe Auflistung der verschiedenen Projekte und die Zahl der Kooperationspartner bis hin zur tatkräftigen Unterstützung durch die Fischereifachberatung des Bezirks Schwaben sowie zahlreiche Fischer und Fischereivereine (FV Kempten, Die Isarfischer, FV Starnberg, BFV Fürstenfeldbruck, Herr Sesar) mögen jedoch verdeutlichen, wie weit gefächert und vernetzt die Ursachenforschung vorangetrieben wurde. Es konnten Dank dieser gemeinsamen Anstrengung zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen werden. Dass eine abschließende Klärung des Phänomens Bachforellensterben noch nicht gelang, ist der Komplexität und Multifaktorialität des Problems geschuldet.  Es gibt  jedoch eine Vielzahl neuer Ansätze, die in die im Mai 2008 anlaufenden, umfangreichen neuen Untersuchungen an der Iller unter Federführung des LfU, Wielenbach eingeflossen sind. Diese Versuche finden wieder in Kooperation mit dem LFV Bayern und dem Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München statt. 

Definition und Eingrenzung des Bachforellensterbens 

Das Bachforellensterben entbehrt als eigenständiges Phänomen noch immer einer griffigen, charakteristischen Bezeichnung. Auch der in der Schweiz gebräuchliche Terminus „Schwarzforellensyndrom“ ist nur unwesentlich prägnanter, verfärben sich doch viele erkrankte oder auch erblindete Fische häufig dunkel. Dies liegt nicht zuletzt an der unklaren Genese der Krankheit, bei der weder ein Erreger oder ein spezifischer Schadstoff als Verursacher bekannt ist, noch ließ sich die primäre Todesursache bislang eindeutig eingrenzen.

Finden sich in Forellengewässern zwischen Ende Juli und Ende November apathische, meist auch dunkel verfärbte und rasch verendende Bachforellen, für deren Erkrankung keine schlüssige Erklärung gefunden werden kann, so wird der Verdacht auf das „Bachforellensterben“ laut. Die weitere Diagnose des Bachforellensterbens erfolgt einerseits nach dem Ausschlussverfahren: Typischer Weise findet sich kein oder nur vernachlässigbarer Parasitenbefall, die Wasserparameter Sauerstoff, Temperatur und pH sind unauffällig, es liegt kein akuter Verdacht auf Einleitung fischtoxischer Stoffe vor; zudem können nach visuellen Organbefunden sowie histopathologischen, serologischen, virologischen, bakteriologischen und immunologischen Untersuchungen keine Hinweise auf andere bekannte Erkrankungen gefunden werden. Sollte mit empfindlichen Nachweisverfahren (z.B. Immunfluoreszenz, PCR) das latente Vorhandensein bestimmter Erreger nachgewiesen werden (wie es insbesondere in nicht wenigen Fällen für den Erreger der PKD der Fall war), so muss an Hand der Befunde eine akute Erkrankung (z.B. an der PKD) ausgeschlossen werden können. Andererseits finden sich typischer Weise bestimmte klinische, histologische und serologische Veränderungen in den moribunden Fischen, die vom Bachforellensterben betroffen sind. Diese treten jedoch nicht immer in allen Fischen gleichzeitig oder mit gleicher Intensität auf. 

  

Zu nennen wären hier: Glycogenentspeicherung der Leber; lymphozytäre Entspeicherung der Milz; Magenwandödeme; diffuse Einblutungen in die Darmwand; Teleangiektasien (Aufweitungen peripherer Blutkapillaren) in den Kiemen; Abfall der Lymphozytenzahl und Zunahme der Heterophilen im Blut. Diese charakteristischen Symptome wurden erstmals am LfU, Wielenbach in Zuge der eingehenden Untersuchungen der letzten Jahre beschrieben. Es wird hiermit angeregt, die Erkrankung mit einer eindeutigen, prägnanten Bezeichnung zu benennen.

Ein Vorschlag wäre „Disease, origin unknown, in brown trout affecting liver, enteric organs, spleen“, kurz „Doubtles“.

Insgesamt kann nach wie vor keine genaue Aussage zur Verbreitung des Bachforellensterbens in bayerischen Gewässern gemacht werden. In früheren  Untersuchungen wurden auch Bachforellen in der Mangfall (bei Kolbermoor), der Ammer (in Wielenbach), der Isar (unterhalb Münchens), der Moosach (bei Freising), der Würm (bei Leutstetten) und der Amper (in Fürstenfeldbruck) unter kontrollierten Bedingungen in Teichen, Rinnen, Becken oder Schwimmkäfigen untersucht. Die Befunde in Isar, Mangfall und Ammer waren ambivalent. Hier verstarben in den Versuchseinrichtungen regelmäßig Fische, doch dürften Furunkulose und/ oder PKD als Ursache wahrscheinlich sein. Allerdings ist das Bild im Falle der Ammer noch differenzierter zu sehen. Die Versuchsrinnen befanden sich hier aus Gründen der Zweckmäßigkeit auf dem Gelände des LfU in Wielenbach, doch gehört dieser Bereich der Ammer nicht mehr zu jenem weiter stromauf gelegenen Abschnitt, von dem zahlreiche Beobachtungen verendender Bachforellen im Herbst vorlagen. In früheren Jahren elektrofischereilich geborgene und in Wielenbach untersuchte Fische aus diesen weiter stromauf gelegenen Ammerabschnitten - welche 2005 näher untersucht und elektrisch befischt wurden  - zeigten hingegen histopathologisch ein für das Bachforellensterben typisches Bild. Auch die darniederliegende Bachforellenpopulation in diesem Bereich untermauert dort das Vorhandensein des Bachforellensterbens. Ob es weiter stromab nicht mehr auftritt oder durch andere Krankheiten „maskiert“ wird, kann mangels geeigneter positiver Marker für diese Krankheit nicht entschieden werden. Immerhin sei angemerkt, dass sich in der Amper, dem Auslauf des aus der Ammer gespeisten Ammersees, keinerlei Hinweise auf das Bachforellensterben finden ließen. Möglicher Weise wirkt der Ammersee hierbei als großer Puffer. Auch in  der Würm, dem Auslauf des benachbarten Starnbergersees, gab es bislang keine Anzeichen für das Auftreten des Bachforellensterbens. Bei der Suche nach Hypothesen zur Genese der Erkrankung deutet nach wie vor vieles auf Erreger hin. Dass UV-Licht die Erkrankung zu verhindern vermag, dass wenige orale Applikationen im Laborversuch genügen, um ein vergleichbares Krankheitsbild auszulösen, die Temperatursensitivität des Geschehens, die hohe Artspezifität und die lange Latenzzeit zwischen „Infektionsphase“ und dem Sterben der Fische, dies sind starke Indizien für ein erregerbedingtes Geschehen oder zumindest für die Beteiligung von Erregern an einem multifaktoriellen Prozess. Die auffällige zeitliche Konstanz des Beginns des Bachforellensterbens Anfang September, der nicht-letale Verlauf im Infektionsversuch, das Nichtauffinden eines viralen Erregers, eventuell auch der mittels Zellkulturen nachgewiesene (aber unidentifizierte) schädigende Wasserinhaltsstoff, dies sind die Argumente für die Beteiligung eines toxischen Wasserinhaltsstoffes. Die immunologischen Befunde sind hier ambivalent, manches lässt sich als Reaktion auf eine chemische Noxe, anderes als Immunabwehr eines Erregers, einiges als Beseitigung abgestorbenen zellulären Materials interpretieren. Sollten die am FLI aus Organproben (der im Übertragungsversuch infizierten Fische) isolierten Bakterien aus der Familie der Pseudomonaden sich im Weiteren nicht als bloße Opportunisten, sondern als ursächlich an der Krankheit beteiligt erweisen, so stellt sich in der Tat die Frage, wodurch diese Bewohner der Forellendarmflora plötzlich solche Virulenz entwickeln. In einem solchen Modell wäre die Beteiligung eines weiteren Faktors (z.B. eines Wasserinhaltsstoffes) für die primäre Schädigung des normalen Gleichgewichtes der Darmflora oder des Immunsystems der Fische plausibel. Die Umsetzversuche vom Iller- ins Quellwasser sprechen freilich für eine monokausale Ursache, da spätere Einwirkungsmöglichkeiten durch weitere Faktoren hier nahezu ausgeschlossen sind. Deshalb werden diese Versuche in den aktuell beginnenden neuen Untersuchungen wiederholt und überprüft werden. 

Nachfolgend ein Bericht aus dem Münchner Merkur (Mai 2008): 

Kempten An einer Versuchsanlage an der Iller bei Kempten wollen Experten dem rätselhaften Forellensterben in den voralpinen Flüssen auf die Spur kommen. In Rinnen und Aquarien, die mit dem Iller-Wasser durchströmt werden, haben Fachleute vom Landesamt für Umwelt (LfU) und des Landesfischereiverbands Bayern am 19.5.08 etwa 1500 Versuchsfische ausgesetzt. Die Forellen sollen nach Angaben des LfU über mehrere Monate hinweg beobachtet und gesundheitlich getestet werden. Überprüfungen in mehreren Abschnitten des Oberlaufs der Iller sollen die Region eingrenzen, ab der die Forellen geschädigt werden. Nach Angaben des LfU tritt das Bachforellensterben an den Oberläufen größerer Voralpenflüsse seit einigen Jahren immer zur gleichen Zeit auf. „Das geschieht immer Anfang September“, sagte ein Sprecher des Umweltamtes. Bisherige Untersuchungen hätten ergeben, dass Einleitungen aus Kläranlagen nicht dafür verantwortlich seien. Auch Schadstoffe scheinen auszuscheiden. Die Kosten für das Programm in Höhe von rund 130.000 Euro übernehmen je zur Hälfte der Freistaat und der Fischereiverband. Wissenschaftlich begleitet werden die Untersuchungen von der Technischen Uni München.
 


  


Bericht: Dipl.Biol. Joerg Ruppe, Landesfischereiverband Bayern e.V. 
Tageszeitungsbericht: von Royal-Flyfishing aus dem Münchner Merkur übernommen
Layout/Foto Bachforelle: Eva Geigl