Am 29. März 1982 wurde das Deutsche Fischereimuseum in München feierlich eröffnet, Bernd E. Ergert, heute der Direktor des Deutschen Jagd- und Fischereimuseums, hat dieses einzigartige Museum konzipiert und die Sammlung zusammengetragen.  

Das Deutsche Fischereimuseum

Kinder reiten auf ihnen, Münchner und Münchenbesucher lassen sich mit ihnen fotografieren, und an vielen Stellen sind sie blankgescheuert von unzähligen streichelnden Händen, der Bronzewels – in Bayern Waller genannt - und der Bronzekeiler in der Neuhauser Straße vor der ehemaligen Augustinerkirche, dem heutigen Sitz des Deutschen Jagd- und Fischereimuseums.

Wer ein Fischer werden will, krümmt sich seinen Haken beizeiten selbst – notfalls aus einer Stecknadel. So jedenfalls war es vor über einem halben Jahrhundert bei mir. Die Begeisterung für den Fisch, das Fischen und das Lebenselement Wasser ist mir bis zum heutigen Tag geblieben. Sie war auch die Triebfeder beim Entstehen einer erfolgreichen Sonderschau (1977) über die Fischerei, die noch unter meinem Vorgänger Direktor a. D. Horst Popp durchgeführt wurde, und für die intensive Sammeltätigkeit bis zum heutigen Tag. 

  

Den Museumsbesuchern konnten wir bei dieser ersten Sonderschau über die Fischerei im Jahre 1977 bedeutende Stücke der bayerischen Fischereigeschichte zeigen. So zum Beispiel wertvolle Leihgaben der Fischerzunft Würzburg. Ölgemälde der Staatsgemäldesammlungen, Fischordnungen, Brittelmaße aus dem Münchner Stadtmuseum, 300 Jahre Fischliteratur, die hölzernen Tafelbilder mit „Laxferchen“ vom Königssee und vieles mehr. Die bedeutensten der Ausstellungsstücke konnten dann 1980 im Jubiläumsbuch des Landesfischereiverbandes „1855 bis 1980 - 125 Jahre im Dienste der bayerischen Fischerei“ abgebildet werden. Eines der schönsten Exponate – das Wappen des Landesfischereiverbandes Bayern e. V. – befindet sich noch heute als wohlbehütete Dauerleihgabe im Museum. Die in Öl auf Leinwand mit dem Wappen gemalte und auf Holz parkettierte Wappenscheibe mit dem Schutzpatron der Fischer hat einen Durchmesser von 149 cm und ist mit AW 1888 signiert. 

Mit dem Einzug der Fische in das Haus der deutschen Jäger musste neben dem Namen das Emblem des Jagdmuseums geändert werden. Der damalige Direktor des Hauses, Horst Popp, regte einen Künstlerwettbewerb über die Fischerei- und Jagdzeitungen an. Der stilisierte Hirsch und der Huchen an der Angelschnur die das Emblem als Kreis heute begrenzt, wurde aus 1874 Zuschriften als beste Arbeit ermittelt. Dass die Wahl auf einen meiner eingereichten Emblementwürfe – den Hirsch und den Huchen – fiel, war sicher ein gutes Omen. Im Jahr 1989 bewarb ich mich bei einer öffentlichen Ausschreibung um den Posten des Museumsleiters und wurde im Jahre 1990 vom Vorstand der Stiftung Deutsches Jagd- und Fischereimuseum zum Direktor berufen.

Mit der glücklichen Verbindung mit dem Deutschen Fischereimuseum kann unser Deutsches Jagd- und Fischereimuseum im Herzen Münchens als einmalig in der Welt bezeichnet werden.

Mit zwei großen Sammlungen konnte ich den Grundstock des Deutschen Fischereimuseums bilden. Die Angelgerätesammlung eines englischen Offiziers, die durch Vermittlung des Sammlers Jürgen F. Preylowski angekauft werden konnte, und die aus aller Welt zusammengetragenen Angelhaken des bekannten Völkerkundlers Konietzko. So wurde die weltweite Entwicklung des Angelhakens, aber auch der Ruten, Rollen und Schnüre einmalig dokumentiert. Vergessen möchte ich auch nicht die wertvolle Hilfe von Karl-Heinz Zeitler beim Einrichten des Museums – vielen Fischern durch seine Veröffentlichungen und Vorträge bekannt. Aus seiner Sammlung stammen so manche Ausstellungsstücke wie Fischnährtiere, die Schuppen der Süßwasserfische und biologische Raritäten. So spannt sich der Bogen von 150 Millionen Jahre alten versteinerten Fischen über prähistorische Angelhaken und Harpunen bis zu Angelvorfächern aus Pferde- und Menschenhaar. 

  

In den modern und klar gestalteten Vitrinen liegen Haken aus Bronze, Stein, Schildpatt, Muscheln, Gold, Holz und Menschenknochen. Sie sind vielfach aus zwei Teilen mit Darm oder Bast zusammengebunden oder in einem Stück aus Muscheln und Schildpatt verarbeitet. Bei Knochen wurden natürliche Verzweigungen genutzt. Andere „Hersteller“ bogen in heißem Wasser Holzhaken und versahen die Hakenschenkel mit kultischen Schnitzereien. Aber nicht nur die Gerätschaften der Naturvölker, vom Indianer bis zum Eskimo, werden vorgestellt, auch die ersten Sportfischereigeräte sind zu sehen. Verschiedene Grund-, Spinn- und Fliegenruten aus Pfefferrohr, Bambus wie auch die berühmten „Gespließten“ oder die aus feinen Hölzern gedrechselten Zweihand-Lachsgerten mit Längen bis zu sechs Metern besitzt die Sammlung. Einige der Exemplare haben am unteren Ende einen in Messing gearbeiteten Erdspeer, mit dem man die Ruten in den Boden stecken konnte. Wie die Angelgerten waren auch die frühen Rollen aus Holz gefertigt.  

Zwei Angelrollen möchte ich - aufgrund ihrer Geschichte herausgreifen und näher beschreiben. Ihre Konstruktionen haben die gesamte Angelfischerei weltweit beeinflusst. Zuerst der Prototyp der ersten Stationärrolle der Welt, die „Sol-Triplex“ Baujahr 1930. Erfinder und Hersteller war Wilhelm Thöner (1905 – 1962). Er gilt als Pionier der deutschen Hochseeangelei und war Konstrukteur neuer Angelgeräte. Sein Freund, Dr. Erwin Löw aus München hat mir diese Rolle für die Sammlung anvertraut. Er erzählte mir auch genau den Vorgang wie W. Thöner beim Huchenfischen Weihnachten 1962 in den vereisten Lech einbrach und unter das Eis des Flusses geriet. Alle Versuche eines 11 jährigen Jungen – seines Begleiters – ihn mit Ästen oder einem dünnen Silk zu retten waren vergeblich.

Die Angelfischerei wurde gerade durch die Stationärrolle besonders erleichtert, daher ist auch der geniale Einfall eines Lord Alfred Illingworth auf dem Weg zur modernen Rolle von Bedeutung. Er löste mit dem Patent von 1905 das Problem des einfachen Auswerfens und Einholens der Schnur und des Köders. Alle Rollen basieren heute auf diesem Prinzip, das der Erfinder dem Funktionsprinzip der Spindeln der Spinnereimaschinen abgeschaut hat. Unsere Illingworth Nr. 3 in der Museumsvitrine mit den 2 Elfenbeinkurbelgriffen und dem außen liegenden Zahnrad, der spindelartigen Spule mit den 2 Schnurfangbügeln lassen die Wurzeln dieser Angelrollenerfindung erkennen.

Noch zum Ende des 19. Jahrhunderts experimentierte man mit sogenannten Wenderollen. Beim Werfen und Einholen der Schnur musste die Spule der Schnur entsprechend gewendet werden. Neben der Rolle ist es vor allem die Angelschnur, die heute jedermann das Fischen leichter macht. Vor der Einführung der synthetischen Schnüre (Perlon und Nylon) beim Fischen um 1930, standen dem Angler für seine Hauptschnur nur Hanf- und Seidenschnüre zur Verfügung. Sie setzten natürlich besondere Behandlung voraus, um sie im Wasser haltbar und möglichst bruchsicher zu machen. Nach dem Angeln musste man sie zum Trocknen von der Rolle nehmen und auslegen oder aufhängen. Kluge Angler entwickelten Haspeln aus Holz oder Metall zum Trocknen der Angelschnüre. Die Vorfächer – aus dem bekannten Seidenwurmdarm – wurden dagegen in einem Spezialbehälter feucht gehalten, um sie nicht trocken und brüchig werden zu lassen. In Bayern soll vielfach von Spezialisten der Flugangelei dazu Bier verwendet worden sein. Bei Sammlern geschätzt sind die Originalkartons der Schnüre mit den Firmenaufschriften – wie Stork, München, gegründet 1856 oder dem Königlichen Hoflieferanten Hildebrand, München, gegründet 1843.  

  

Einige sehr gut erhaltene Stücke konnte ich noch zu Lebzeiten von der letzten Eigentümerin Sophie Stork und vom Flugangelpapst und Angelkamerad Franz Menzebach für die Sammlung bekommen. Wie auch die alten Haken und Vorfachheftchen – ebenfalls meist mit sehr reizvollen alten Firmenaufdrucken - sind sie auch heute noch willkommene Stücke für den weiteren Aufbau unserer Sammlung. So manches alte Seidenwurm Darm-Vorfach schlummert sicher noch unter Speicherkram. 

  

Diese vor der Erfindung der synthetischen Schnur angebotenen Vorfächer – auch Darm-Seiten genannt – bestanden aus dem „gezogenen“ Darm der getöteten Seidenraupe. Der Darm wurde an beiden Enden gefasst und in die Länge gezogen (0,3 – 0,9 m). „Dressed gut“ entstand, wenn man die so hergestellten Fäden durch eine mit feinen scharfkantigen Löchern versehene Metallplatte zog um so unterschiedliche Stärken zu erzielen. Für den Friedfischfang diente auch konisch geflochtenes Pferdehaar, und der Raubfischangler bediente sich gedrehter Drahtvorfächer. Alle diese Raritäten aus einer Zeit, in der die Perlonschnur noch nicht erfunden war, liegen wohlverwahrt hinter Glas. Kunstköder wie Huchzopf, Eisvogelfliege, Devonspinner, Ovallöffel sowie Heintz-Blinker, Dee-Turbine und Chapman-System oder Bornes Hakenflucht zählen ebenso zu den Schätzen der Sammlung wie unzählige aus Vogelfedern und Tierhaaren gefertigte Kunstfliegen. Natürlich wurde auch die Biologie der Fische nicht vergessen. Seltene Fischsklette, Zähne, Fischnährtiere und viele anatomische Besonderheiten zählen zu den Ausstellungsstücken. Zahlreiche Kunstwerke runden das Bild der historischen und zeitgemäßen Fischerei ab. 

Als Gestalter des deutschen Fischereimuseums war es mir ein Anliegen die Wände und vor allem das alte Gewölbe der Augustinerkirche nicht mit Netzen und Reusen zu verdecken. So entstand der Gedanke, eine Ergänzung zu den Vitrinen mit den Exponaten der Berufsfischer zu schaffen. Es kam zum Bau einer originalgetreu wiederhergestellten Fischerhütte aus dem Jahre 1900 mit Werkzeug, Netzen, Reusen, und allem, was dazu gehört.

Kernstück der Sammlung bildet ein übergroßes Diorama, in dem sich alle einheimischen Süßwasserfische – vom Kleinfisch bis zum schwersten Huchen von über 50 Pfund – als Trockenpräparate befinden. Hier kann der Besucher seltene und auch ausgestorbene Fische in Ruhe betrachten.

Eine große Multivisionsschau gibt eine anschauliche Einführung in die Zusammenhänge zwischen Jagd und Fischerei. Wie auch im Bereich der Jagd kann der Besucher an einem Monitor alle wichtige Gebiete der Fischerei abrufen oder sein Wissen testen.

Gerade die weniger Erfahrenen und die Zufallsbesucher sind von diesen modernen „musealen Medien“ gefesselt. Sie erkennen, dass die Fischerei gleichwertig neben der Jagd steht, ja dass die in der Sammlung gezeigte Formenvielfalt und der Ideenreichtum diese manchmal sogar übertreffen.

Bernd E. Ergert

Museumsdirektor 
 

 



  




Bericht / Fotos: Deutsches Jagd- u. Fischereimuseum
Layout: Eva Geigl