Die Waage am Check im Frankfurter Flughafen blieb bei etwa 23 Kilo stehen, wobei das Fräulein am Counter kompromisslos ausgerechnet hat, wieviel ich für das Übergepäck nachzahlen soll...

Bei meinen Anglerausflügen richte ich mich nach einer eisernen Regel: ich sollte für alle Eventualiäten ausgestattet sein. Es hat sich zwar schon lange herumgesprochen, dass es in der Elbe keine Haie gibt. Nun stellen Sie sich mal vor, wie dumm man da stehen würde, wenn sich doch einer der Haie unter die Eisenbahnbrücke, sagen wir mal in Dresden, verirrt hätte? Falls ich nach Dänemark mit dem Jeep fahre, ist es kein Problem. Man kann sehr viel Zeugs zupacken, ohne von übereifrigen Fräuleins der Fluggesellschaften belästigt zu werden.
Dabei habe ich diesmal nur das Nötigste mitgenommen. Ich habe sogar den Rasierapparat zu Hause gelassen. Jeder von uns weiss, wieviel man an Fliegen, Streamer oder gar Schnüre für die 400 Gramm mitnehmen kann.
Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich höflich zu bedanken und zu versprechen, dass ich um die nötige Korrektur sorge. Ich ging zur Toilette, packte den Koffer aus und zog meine Unterhemden, Unterhosen, drei Hemden und beide Pullis an. Ein Paar Kleinigkeiten packte ich in eine Einkaufstüte als Handgepäck in die Kabine mit. Und siehe mal da – der Koffer war um einundhalb Kilo leichter und diesmal hat ein anderes Fräulein  ein Auge zugedrückt und ich konnte, zwar gebadet in Schweiss, unbesorgt meine Flugreise nach Madeira antreten.

Madeira wird ihrer Naturschönheit, vieler Sehenswürdigkeiten und der Blumen wegen von Touristen bewundert und besucht. Die Tatsache, dass man dort auch auf Forellen fliegenfischen kann, erfuhr ich von meinem Freund Duarte, der dort geboren wurde. Auch der Atlantik liess meinen Ehrgeiz nicht in Ruhe. Ich wollte ausprobieren, auf welche Fliegen bzw. Streamer die Meeresfische reagieren. Ob vom Ufer aus oder beim Bootsangeln. Aber im Hafen von Funchal wurde ich mit der harten Realität konfrontiert.

Funchal-Bucht
Hafen von Funchal 

Auf die offene See kann man nur zum Big Game Fishing hinausfahren. Aber Fliegenfischen? Sämtliche Bootsbesitzer haben die prospekten Kunden auf Ausflüge für diese merkwürdige Sportart und für das Whale and Dolphins Watching gelockt. Aber so etwas Albernes, wie mit einer Fliegenrute die endlose See zu peitschen, da haben sie nur mit dem Kopf geschüttelt. Big Game Fishing – Papa Hemingway möchte es mir nachsehen – verabscheue ich. Meiner Meinung nach handelt es sich nicht ums Angeln, obwohl auf Madeira die strikte Regel Catch and Release gilt. 

Der Besitzer der von mir gemieteten Wohnung spornte mich an, dass ich einen Fisch nach Hause bringen sollte, er würde ihn dann auf Madeira-Art zubereiten und zum Abendessen servieren. Ich fing also im Ribeira da Brava an. Von einem weit in die See ragenden Steg warf ich meine Flugschnur aus. Ich hatte keine Ahnung, wie, was und womit ich angeln soll. Probieren, hieß meine Devise. Ich band nacheinander mindestens zwanzig verschiedene Streamer auf ein 20-er Vorfach und hatte nicht mal einen einzigen Biss. Die Sinkschnur sank wirklich sehr schnell ... wenn sie dann unterm Wasser war, wurde sie von der Wellenbewegung derart hin und her gespült, dass ich sowieso keinen Anbiss spüren würde. Ich tauschte sie gegen eine schwimmende Schnur aus, verlängerte das Vorfach und fing mit dem Probieren von vorne an.  

  

Erst irgendwann mal am Nachmittag spürte ich etwas an meinem Haken. Ich zog und zog, bis ein abgerissenes Vorfach mit drei Lures ans Licht kam. "Ach ja, das ist genauso einfach wie an einem Forellensee", dachte ich. Am nächsten Tag band ich also drei Luren, die ich mit einem kleinen Blei beschwert hatte, an mein Vorfach an. Das Wasser war kristallklar und ich konnte unter mir ganze Fischschwärme sehen. Sie zogen in einer rasenden Geschwindigkeit hin und her. Ich warf gezielt vor den Schwarm und liess den Köder langsam sinken. In dem Augenblick, als die Fische dem Köder folgten, zupfte ich und dann liess ich wiederum den Köder fast stehen. Die Wirkung war überwältigend. Ein Biss nach dem anderen, manchmal eine Dublette, aber ich habe endlich Fische geangelt! Nur die Grösse hat mich nicht befriedigt. Wahrscheinlich hätte auch mein Wohnungswirt keine Lust, die von mir gefangenen Zwerge zu entschuppen und küchenfertig vorzubereiten. Lauter Fische um die 14 – 15 cm.  

Sie erinnerten mich an Weihnachtsplätzchen, weil sie sehr flach und hochrückig waren. Eine Mischung aus Barsch und Brasse, meinetwegen auch Karausche. Die Rückenflosse hatte lange, scharfe Stachel. Bei einem davon habe ich mir den Finger beim Enthaken aufgeschlitzt. Ich war allein da. Jeder Versuch, ein Trophäenfoto zu knipsen, scheiterte an der sagenhaften Beweglichkeit dieser kleinen Kerle. Bis es mir gelang, die Kamera einzustellen und ans Auge zu drücken, hüpfte der Fisch weit weg oder sprang wieder ins Wasser. Ich wollte den Fisch wegen dem einen Foto auch nicht töten, so habe ich sie alle in ihr Element zurück geführt. Dies hat mit Fliegenfischen nichts zu tun, beschloss ich und kehrte nach Funchal zurück. Ich hatte Glück gehabt, weil ich da den überaus verständnisvollen Ricardo traf, mit dem ich einen ganztägigen Ausflug in die Berge vereinbarte.  

  

Die Insel Madeira muss ein Paradies für Vegetarier sein. Überall wächst was. Auf den Feldern gedeiht u.a. Gemüse, Bananen, Zuckerrohr, Avocado. Wobei man die Blumen nicht vergessen darf. Diese Äcker werden im Sommer durch künstlich erbaute Bäche bewässert. Die Einheimischen nennen sie "Ribeiras". Das Angeln im Inland auf Madeira ist "Out". Alle angeln im Atlantik. Daher kostet eine Monatskarte ganze 1,90 Euro. Das Mindestmass für die Forellen sind 18 cm, für den Karpfen 20 cm.  

  

Man darf auch in den künstlich gebauten Becken angeln, die das Regen- bzw. Spülwasser von den Hängen aufsammeln. Nachdem wir in solch´ einem Becken ein paar schöne Regenbogenforellen geangelt haben, zogen wir zu einem der Ribeiras, die das aufgesammelte Wasser aus dem Becken ins Tal führen, weiter. Überwiegend handelt es sich um alte, ehemals von den Sklaven kaskadenförmig gebaute Gräben, die teilweise sehr grosse Höhenunterschiede überwinden müssen. Es gibt sehr viele Wasserfälle. Unter ihnen bilden sich grosse, manchmal auch bis zu 2 – 3 m tiefe Gumpen. Es folgen flache Abschnitte, wo das Wasser sehr schnell über den Kieselgrund zwischen grossen Felsbrocken fliesst.  Nicht anders wie in den Alpen. Hinter den Felsbrocken verstecken sich Regenbogner und manchmal auch eine Bachforelle um die erlaubten 18 cm.  In den Gumpen dafür, kann man Exemplare von 30 bis 40 cm antreffen. Sie warten unter den überhängenden Felsbrocken, was der Strom ihnen vors Maul bringt. Ich hatte keine Ahnung, womit sie sich um diese Zeit sonst ernähren. Es waren zwei Tage bis Weihnachten. Ich drehte einige Steine um, es gab keine Larven von irgendwelchen Insekten. Auch Ricardo wusste nicht Bescheid. Er konnte mir nicht mal sagen, woher die Forellen in die Ribeiras kamen. Die Ribeiras und die Auffangbecken verstecken sich hinter einer üppigen Vegetation.

Jaromir Knorre 
Strelizie 

Auf Madeira wächst alles und das sehr schnell. Jemand sollte es versuchen, einen Besenstiel in die Erde zu stecken. Wahrscheinlich würde er am nächsten Tag die ersten Blätter bekommen und im Sommer die ersten Früchte tragen. Den Bach selbst kann man meistens nicht sehen. Man steht vor einem grünen Wall und hört das Plätschern eines sehr schnell fliessenden Wassers. Die Auffangbecken befinden sich hoch in den mit Wolken behangenen Bergen. Sie sind sehr schwer zugänglich. Den schönsten See Ribeira Funda kann man nur ohne Auto und ohne Fahrstuhl über sage und schreibe 480 Stufen erreichen. Zu dieser Jahreszeit regnet es in den Bergen. Die beste Angelei gibt es, nach Ricardos Auskunft, dann im April – Mai. 

 Feigen

Die Forellengewässer kann man ohne einen Guide nicht finden. Und übrigens: nehmen Sie nie Ihre Angetraute zu solch einem Ausflug mit! Sie brauchen sich das ständige "Gehe nicht hin - es ist gefährlich -  du rutschst aus - du fällst ins Wasser - es fällt dir etwas auf den Kopf - du kannst dich da nur verirren - du zerreisst dir das Hemd - hast du es nötig…."  anzuhören. 

 
Ribeira

Ich hatte es nötig. Es war gefährlich! Ich rutschte mehrmals aus - ich fiel ins Wasser - ich zerriss mein Hemd. Auf den Kopf ist mir aber nichts gefallen. Es hat sich aber gelohnt.

Auf jeden Fall sollte man jemanden mitnehmen.

Ganz allein werden Sie in dieser  dem Dschungel ähnlichen Natur, wo Sie keiner lebendigen Seele begegnen, verloren sein. Und die frei rumlaufenden Ziegen kann man kaum nach dem Weg fragen.

Zum Ausklang eines sehr gelungenen Ausfluges lud ich Ricardo zum Essen ein. Ich wollte auf dem Rückweg in ein typisches Madeira-Restaurant, wo nur die Portugiesen hingehen und wo es  keine Touristen gibt. Ausserdem hatte ich Lust auf Meeres-Spezialitäten.

 
Ribeira

  

Ricardo lotste mich zu seinen Bekannten in ein kleines Restaurant am Strand, das sich im Dörfchen Casical befindet. Zuerst gab es ein grossartiges Begrüssen mit den unvermeidbaren Umarmungen aller Anwesenden, einschliesslich der Gäste. Ich war doch ein Amigo von Ricardo und damit bin ich automatisch ein Amigo seiner Amigos geworden. Ich überließ Ricardo das Bestellen der Speisen. Nach der Vorspeise, die aus viel Knoblauch mit Weißwein abgelöschten, gebratenen Muscheln bestand, befahl er für seinen Amigo die hiesige Spezialität, die es nur auf Madeira gibt, zu bringen. Er behauptete, dass dieser Fisch "Kaschteniette" heissen würde. Es hörte sich wie Castagnetten, auf spanisch "Castaňeta" an. Ich weiss es nicht, wie man das Wort auf Portugiesisch schreibt - hier braucht man keine Speisekarte. 

Die hübsche Wirtin, übrigens auch unsere Amiga, brachte für jeden von uns jeweils sechs gegrillte Weihnachtsplätzchen. Sie sahen so ein bisschen wie Barsch und Brasse zusammen, vielleicht wie eine Karausche aus. Aus den Rückenflossen ragten lange, scharfe Stacheln. Ich berührte unwillkürlich meinen verletzten Finger und forschte nach, ob nicht etwa in einem der Fischmäuler rein zufällig eine meiner abgerissenen Luren steckte. Ich fand keine ... auch auf dem nächsten Teller nicht, den ich als Nachschub bestellte. So gut haben sie geschmeckt.

Ich bitte Sie aber inständig, dies sollten Sie meinem Wirt in der Pension "Mira Sol" in Funchal, Herrn Joao Horta, nicht verraten!

Jaromir Knorre 

Bei meinem nächsten Madeira-Besuch werde ich mich hüten,
diese Köstlichkeiten ins Meer zurück zu schmeissen.


 Madeira-Küste 

 

 

Bericht und Fotos: Jaromir Knorre
Grafik: Eva Geigl