Von Dr. Uwe Waller, Biologe und Leiter des Aquariums in Kiel
Fotos / Grafik: Eva Geigl

DER DRILL: SPEKTAKULÄR FÜR DEN ANGLER, LEBENSBEDROHLICH FÜR DEN FISCH

Berichte über den Fang kapitaler Fische beginnen oft mit denselben Worten mit sehr ähnlichen Sätzen: „ Ich bekam einen vehementen Biss auf eine große schwarze Fliege. Der Lachs sprang mehrmals vollständig aus dem Wasser, sein Gewicht betrug geschätzt 12 Kilogramm. Geschätzt, denn ich verlor den Fisch nach 15 Minuten Drill durch Schnurbruch! Ich trug es mit Fassung.“ 

Diese Momente waren für den Angler ohne Frage spannend, versetzen ihn in höchste Aufmerksamkeit, sein Körper reagierte mit der Ausschüttung von Hormonen auf den Drill, den er für sich entscheiden wollte. Der Fisch, der eben noch zur Nahrungssuche durch das Gewässer patrouillierte wurde in demselben Augenblick alarmiert, als er die an einem Haken befestigte vermeintliche Beute geschickt aufnahm und der Haken in den Kiefer einschlug, sich festsetzte. Spürte der Fisch Schmerz oder nahm er lediglich den Widerstand der Schnur wahr, dem er versuchen würde zu entfliehen? Fischen fehlen, das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, die für die Schmerzempfindung notwendigen Regionen im Gehirn. Aber, selbst wenn der Fisch den Schmerz nicht wahrnehmen kann, kommt es in Bruchteilen von Sekunden zu einer hormonellen Explosion in seinem Körper, zu einer physiologischen Kettenreaktion, die die maximale Leistung für die Flucht verfügbar macht. Der Fisch flieht, ohne dass das Tier wahrnehmen kann und muss, was die Ursache für den ungewohnten Widerstand ist. Normalerweise ist die Flucht kurz, der Fisch sucht Deckung, ein Versteck auf. Jetzt aber hängt er an einer Schnur, die ihn unheilvoll dirigiert. 

Um zu verstehen, welche Folgen die Flucht hat, muss man wissen, dass Fische in einer Umwelt leben, an die diese Tiere im Verlauf der Evolution hervorragend angepasst wurden, aber dennoch oft Kompromisse notwendig sind. Ein Beispiel ist die Aufnahme des lebensnotwendigen Sauerstoffs über die Kiemen. Der Sauerstoff ist erforderlich, um energiereiche Moleküle, quasi den Treibstoff für den Stoffwechsel, in Zellprozessen zu synthetisieren. Normalerweise reicht die Kapazität der Kiemen aus, um den Körper zu versorgen, der Fisch kann wachsen und durch die Unterwasserwelt patrouillieren, um einen möglichst besten Standort zu finden. Viele Fische benötigen nicht einmal die ganze Kiemenfläche, sondern kommen unter normalen Lebensumständen mit zwei Dritteln aus. 

  

Sie verbrauchen ein Zehntel der Energie, um das Wasser über die Kiemen zu pumpen, wenn sie nicht bei höherer Schwimmgeschwindigkeit das Wasser einfach passiv über die Kieme strömen lassen können. Die Sauerstoffaufnahme wird von biochemischen Eigenschaften ihres Blutfarbstoffs unterstützt, die die Bindung von Sauerstoff in der Kieme erleichtern, im Körper zu einer schnellen Entladung des sauerstoffbeladenen Blutfarbstoffs Hämoglobin, führen.Trotz aller Anpassungen müssen bei Fischen Stoffwechselprozesse gemäß den Umweltbedingungen reguliert werden. Starke Schwimmaktivität zum Beispiel kann dazu führen, dass während dieser Phasen weniger Sauerstoff, also Stoffwechselenergie, für Wachstum und Reproduktion verfügbar ist. Der Fisch reguliert ständig die Verteilung der Energie in seinem Stoffwechsel und erhöht damit seine Überlebenswahrscheinlichkeit. Nun zurück zu dem Fisch, der am Haken hängt, zu fliehen versucht. 

  

Der Lachs, in dem Moment, wo er den unbekannten Widerstand spürte, rekrutiert alle verfügbare Körperenergie. Er schießt unter Einsatz seiner gesamten Muskulatur durch das Wasser, springt aus dem Wasser, fällt zurück und versucht mit aller Kraft dem Zug zu entkommen. In diesem Moment benötigt er allein bis zu zwei Drittel seiner Energie, um den notwendigen Sauerstoff aus dem Wasser aufnehmen zu können. Hormone werden ausgeschüttet, die die Durchlässigkeit der Kiemen erhöhen und die Sauerstoffaufnahme in die Blutkörperchen verbessern. Sie bewirken zusätzlich eine Steigerung des Blutdrucks, so dass jetzt die gesamte Kieme durchblutet und für die Sauerstoffaufnahme verfügbar wird. In Sekunden ist das Maximum an Energie für die Flucht verfügbar. Das macht den Drill für den Angler aufregend. Die Kraft des Tieres überträgt sich auf Schnur und Rute und lässt jede Bewegung spüren. Auf kurze Pausen folgen vehemente Fluchtbewegungen.

Hält das Material, hat der Fisch keine Chance zu entkommen. Nach kurzer Zeit beginnt der Überlebenskampf des Fisches, denn mit zunehmender Dauer werden die Reserven aufgebraucht. Die Muskeln, die nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, produzieren jetzt Milchsäure und zusammen mit dem Kohlendioxid, das bei der Muskelarbeit entstanden war, nimmt der Säuregehalt im Blut zu, das Sauerstofftransportsystem in den Blutkörperchen wird gestört. Der Stoffwechsel des Tieres gerät durcheinander. Zusätzlich strömt über die Kiemen unnatürlich viel Wasser in das Tier, der Salzhaushalt gerät aus dem Gleichgewicht. An diesem Punkt angekommen, kämpft der Organismus, um Energie- und Wasserhaushalt zu normalisieren. Einige Fische sind empfindlicher, andere toleranter gegenüber Stress.

  

Während Lachsfische vehement fliehen, ist die Reaktion von Karpfenfischen zumeist wenig spektakulär. Sie verausgaben sich nicht, haben unter Umständen eine faire Überlebenschance. Salmoniden brauchen Tage, um sich zu erholen; das Ungleichgewicht im Stoffwechsel kann in dieser Zeit aber auch noch zum Tod führen.  Der eben noch so starke Fisch wird lethargisch, er ist ausgedrillt, leistet keinen Widerstand und wird herangezogen. Jetzt beginnt der finale Todeskampf, denn, wird er jetzt auch noch aus dem Wasser gehoben, kommt es zur maximalen Stressreaktion. Das Herausheben eines Fisches aus dem Wasser ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen der maximale Stress mit einem Anstieg von Stresshormonen, der dem Achtzigfachen des Normalwertes entsprechen kann. Dazu kommt, dass das Anfassen des Tieres die schützende Schleimschicht, eventuell sogar die Haut verletzt. Hat der Angler keine so genannten Schonhaken verwendet, wird er das Tier noch stärker verletzen, um den Widerhaken aus dem Kiefer zu drücken. Er muss das Tier festhalten. Der starke Druck auf die Leibeshöhle kann zu inneren Verletzungen führen. Damit sinken die Überlebenschancen für das Tier rapide, das immer noch um sein Überleben kämpft.

Angelfischerei ist eine traditionelle Form des Nahrungserwerbs des Menschen; der gefangene Fisch wurde getötet und verzehrt.

Der Angelsport ist andere Wege gegangen.

Die Euphemismen, die in den Erzählungen nur zu gerne benutzt werden, lassen vergessen,
was im Moment des Fanges mit dem Tier wirklich geschieht.


Das Tierschutzgesetz lässt Leiden nicht zu! Es gilt also Gerät und Methode so auszuwählen, dass Bestände geschützt und nicht unnötig Fische in die Hand genommen werden. Wenn es passiert, wird es schwer sein, zu entscheiden, ob ein Fisch wieder zurückgesetzt werden kann.

Die Chance ist besser, wenn die Drillzeit kurz war. Wird das Tier bis zur Erschöpfung im Drill belassen und zeigt nicht sofort ein Fluchtverhalten, sind die Überlebenschancen gering. Die Beobachtung in einem Schonnetz ist ebenso notwendig wie die Verwendung widerhakenloser Haken, die es unnötig machen, das Tier aus dem Wasser zu nehmen.

 

Aber jetzt noch einmal zurück zum Anfang. Was passiert denn eigentlich mit einem Fisch, der eine Montage im Maul mit sich zieht. Trägt auch der Fisch das "mit Fassung" ?
Ist die Chance, eine Montage wieder zu verlieren bei widerhakenlosen Montagen größer?


Ja, die ist sehr groß!

Sollte man dem Fisch nicht die genannten Chancen einräumen ?

 

   zum Bericht von Royal Flyfishing "Widerhakenloses Fliegenfischen" 

   zum Artikel in Royal Flyfishing
"Catch & Release" von Dr.Axel Wessolowski -
zur Verfügung gestellt von der Zeitschrift "Fisch und Fliege"

  
zum Bericht in Royal Flyfishing "Die Seitenlinie der Fische" von Priv.-Doz. Dr. Joachim Mogdans

Zur Kategorie   Informativ in Royal Flyfishing:  Sinnesorgan - Seitenlinie des Fisches  

STATEMENTS an Royal-Flyfishing: 

Hallo Herr Sagerer,
zum Thema widerhakenloses Fischen kann ich mich allen Beiträgen gänzlich anschließen und möchte dazu ergänzend etwas beitragen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es, wie in Fachartikeln aus einschlägigen Fachzeitschriften beschrieben, beim Haken eines Fisches auch auf die Anschlagtechnik ankommt und darüber hinaus, die Art und Weise, wie ich den Drill gestalte. Wir können und sollten getrost auf den Widerhaken verzichten. Er bringt nur Unheil! Jeder von uns hatte schon ein oder mehrere Male in seiner Anglerlaufbahn, schmerzliche Erfahrungen mit "Selbsthakung". Wie beruhigend ist es dann, den Haken einfach, sanft entfernen zu können- zurück bleibt ein Pieks. Diese Selbsterfahrung hilft uns dann auch besser zu bergreifen und mit Demut und Respekt vor der Natur ans Wasser zu gehen. Weitere Vorteile von "barbless hooks" sind: Im Verhältnis zur angegebenen Hakengröße im Vergleich zu Haken mit Widerhaken, dünndrätiger herstellbar und dennoch bruchsicher, da durch die fehlende Kerbung für das Herstellen des Widerhakens keine "Sollbruchstelle" entsteht. Außerdem verursachen sie in der Fliegendose keine ausgefransten und unbrauchbaren Schaumstoff-Futter.

Schöne Grüße Armin Allenberger SALAR Rutenbau Atelier, Mannheim 

Sehr geehrte Frau Geigl, sehr geehrter Herr Sagerer, 
das Fischen mit widerhakenlosen Haken ist für mich, aus meiner fliegenfischerlichen Praxis nicht mehr wegzudenken. Sein Gebrauch sollte generell für alle Salmonidengewässer verpflichtend eingeführt werden. Ein Verangeln bzw. tödliche Verletzungen im Maulbereich kommen nicht mehr vor. Vor allem der Jungfischbestand wird davon profitieren und sich in seinem Bestand beträchtlich erholen. Nachhaltige Behandlung und Pflege unserer Gewässer sind ein Gebot der Stunde.
 
Mit freundlichen Grüßen  -  Roman Moser
Roman Moser GmbH, Innovative Fly, Fishing Products, Kuferzeile 23, 4810 Gmunden.phone: +43(0)7612-65686, fax: +43(0)7612-65633,
email:
roman.moser@flyfishing.telecom.at  , www.romanmoser.com 

Liebe Eva, lieber Peter,
zu den Statements zum Fischen mit Schonhaken: ergänzend zu den Ausführungen von Roman Moser möchte ich sagen, daß jeder der eine Fliege bindet, anbietet und verkauft, sich grundsätzlich für Schonhaken entscheiden sollte und jeder der eine Fliege kauft, sich grundsätzlich für Schonhaken entscheiden sollte. So einfach ist das, man muss nur wollen und konsequent sein.

Liebe Grüße Egmont

Lieber Peter,
ich fische grundsätzlich ohne Widerhaken, auch dort wo sie erlaubt sind, da ich vor dem Binden den Widerhaken andrücke oder gleich einen Haken ohne verwende. Leider werden noch nicht alle Hakenformen ohne Widerhaken angeboten, es gibt auch keinen Anbieter der sein Fliegensortiment ausschließlich widerhakenlos anbietet, warum wohl ? Schade ist, dass überhaupt darauf hingewiesen werden muss, denn mit Widerhaken fängt man nicht mehr Fische - man verletzt sie nur besser!
 
Mit freundlichen Grüßen  -  Werner Steinsdorfer

Hallo Eva & Peter,
Fair fischen, Fliegenfischen - und zwar widerhakenlos. Das muß für jeden Fliegenfischer selbstverständlich sein. Es gibt nichts besseres für ein Fischwasser, als die darin erlaubte Fangmethode einzig und allein auf die widerhakenlose Fliegenfischerei zu beschränken; nur so gelingt es die natürliche Alterspyramide zu fördern und zu erhalten.

Gib dem Fisch ein Chance  -  Gruss aus Lana  -  Hubert Indra - Präsident Casting-Club Südtirol

Hallo Herr Sagerer, 
Ich persönlich fische ausnahmslos, und dies seit Jahren, ohne Widerhaken. Ich will den Fisch nicht verletzen. Und ausserdem - wenn ich ihn beim Befreien vom Haken so wenig wie möglich anfasse bzw. anderweitig mit ihm "rumhantiere", um so weniger Stress muss er erleiden.
 
mit freundlichen Grüßen  -  Jaromir Knorre
 

Hallo Peter,
Das Fischen ohne Widerhaken sollte für jeden Fischer, der mit vollem Respekt für die Natur und ihre Lebewesen seiner Passion nachgeht, eine moralische Pflicht sein und so seinen Beitrag zu einer Erhaltung unserer Fischbestände und deren Schönheit zu leisten. Dabei kann jeder Einzelne seinem Kollegen ein Vorbild sein!

lg  Christof Menz und Uwe Rieder  -     Pro-Guides

Hallo Peter,
ich fische nur mit barbless Haken weil ich untermaßige, oder in der Schonzeit befindliche Fische möglichst schonend wieder zurücksetzen möchte. Außerdem habe ich mit Widerhaken Fische verloren und verliere auch ohne Widerhaken Fische, das macht für mich keinen  Unterschied, also weg  mit dem Angstbart!
 
Grüße Karl-Heinz Kaulig

Ich kann mich dem was gegen den Widerhaken geschrieben wurde nur anschließen. Ergänzend dazu möchte ich noch sagen, dass leider immer wieder auch Salzwasserhaken für Streamer verwendet werden. Es ist offensichtlich viel zu wenig bekannt, dass Nirosta (aus dem bestehen nun einmal Salzwasserhaken) im Süsswasser nicht rostet. Fische mit solchen Haken im Maul sind ihr Leben lang plombiert, bzw. es dauert sehr lange bis dieser herauseitert und eine hässliche Wunde hinterlässt. Die Freunde der 'Gmundner Traun' sind nun endlich die ersten, die in ihren Bestimmungen zumindest die Empfehlung aussprechen für Streamer keine Salzwasserhaken zu verwenden.

Beste Grüße  - Walter Reisinger - 

Guten Tag Herr Sagerer,
Ich finde übrigens die Royal-Flyfishing Seite wunderbar gemacht. Auch, oder vor allem der Bericht über die andere Seite eines Drills und die Aktion für widerhakenloses Angeln fand ich sehr lehrreich. Ich habe letzten Herbst mit Fliegenbinden begonnen, und auch ich bin erstaunt, dass man Haken immer noch fast ausschliesslich mit Widerhaken kaufen kann. Ich hoffe da geht in Zukunft mehr. Ich finde es super wenn jemand den Mut aufbringt solche Themen anzusprechen, auch mit dem Wissen, dass nicht alle Fischer gleich gut ihr eigenes Verhalten hinterfragen können.

Grüsse aus der Schweiz - Andreas Moser 

Hallo Peter und Eva,
es ist für mich immer schon selbstverständlich ohne Widerhaken zu Fischen. Man kann mit barbless auch schöne Fische landen. Für mich ebenso wichtig, ist das schonvolle Landen und Abhaken der Fische. Am besten führt man den Fisch unter Wasser über die halboffene Hand und lässt ihn ohne Druck darin schweben, noch besser wäre es den Fisch gar nicht zu berühren und nur die Fliege rauszudrehen. Wer unbedingt ein Foto machen will, sollte ihn nur so kurz wie möglich aus seinen Element heben. Soviel Respekt vor der Natur und der Kreatur Fisch, sollte für jeden Fischer selbstverständlich sein und werden.

Viele Grüße Ralph Warnke

Hallo Peter,
ganz sicher unbestritten ist die Tatsache, dass ein etwas tiefer sitzender nicht widerhakenloser Haken nur mit größeren Verletzungen und längerem Halten des Fisches gelöst werden kann und somit dessen Lebenserwartung mit großer Wahrscheinlichkeit schmälert. Genauso unbestritten dürfte wohl sein, dass ein in der Haut oder gar im Auge steckender nicht widerhakenloser Haken auch den Fliegenfischer selbst oder seine eventuell gehakte Begleitung vor größere Probleme stellen dürfte. Aus meiner eigenen Erfahrung rate ich jedem, den Widerhaken besser anzudrücken oder einen barbless Haken zu verwenden. Auch der perfekteste Wurf kann, gestört durch eine unerwartete Windböe, im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen. Anbei ein Bild von einem durch einen Widerhaken verletzten Fisch, der beim Elektrofischen abgefangen wurde.

Schöne Grüße  - Günter Feuerstein