Eine kleine Einführung in die faszinierende Pirsch auf Meerforelle, Hornhecht, Dorsch, Meeräsche &Co 

von
Achim Stahl

Achim Stahl

 

Als ich zum ersten Mal einen Fliegenfischer an der Ostseeküste sah – es war während eines Segeltörns auf Fünen- zweifelte ich zunächst an meiner Wahrnehmung und dann am Gesundheitszustand des Rutenschwingers. Fliegenfischen und Ostseeküste fanden in meiner Vorstellungswelt einfach nicht zusammen. Meerforellen und Lachse waren für mich Exoten, deren Fang in Deutschland so unwahrscheinlich war wie ein Lottogewinn.
Doch in den nächsten Jahren sollte sich das grundlegend ändern. Damals begann der Kreis Fünen mit seinem ehrgeizigen Meerforellen-Wiederansiedlungsprojekt. Schon sehr bald meldeten auch Brandungsangler und die wenigen Spinnangler an der deutschen Ostseeküste vermehrte Meerforellenfänge. Eine kleine Schar von Anglern begann, gezielt vom Strand auf Meerforellen zu fischen. Ganz wenige, die am meisten belächelten, versuchten es mit der Fliegenrute. Durch Zufall gehörte ich auch dazu. Ein Freund hatte mich dazu überredet, auf Langland ein paar Tage mit der Fliege zu fischen. Der erste Tag bescherte mir zwei Fische, der eine wog über drei Kilo. Kommentar eines anderen Fliegenfischers: „Jetzt bist du verloren!Seither erlebt das Fliegenfischen an der Ostseeküste eine stetig zunehmende Popularität. Es ist inzwischen soweit, dass man sogar mehr Fliegenfischer als Spinnangler antrifft.

Dennoch ist die Küste für Einsteiger ein ungewohntes und schwierig zu lesendes Gewässer. Die unendliche Wasserfläche irritiert viele Fliegenfischer. Wie sollen Fisch und Fliege hier zusammenfinden? Dazu kommen noch die hartnäckigen Gerüchte von notwendigen Distanzwürfen, die nur mit speziellen Schussköpfen möglich sind, Würfen gegen den Wind, extrem schweren Schnurklassen und und und....das alles ist Unsinn!

Fliegenfischen an der Küste ist die einfachste Art des Fliegenfischens überhaupt (wenn wir mal das Fliegenfischen auf Meeräschen außer acht lassen - das kommt später!). Wir haben keine Hindernisse beim Werfen, wir müssen kein bestimmtes Ziel treffen, wir müssen nicht mit dreggenden Fliegen, unterschiedlichen Strömungen, diffisiler Bisserkennung oder wilden Trickwürfen kämpfen. Wir werfen einfach nur aus und strippen ein. Die Fische sind so nett, dass sie meistens bis vor unsere Füße schwimmen - wer ordentliche 15 Meter Schnur ablegen kann, hat beste Chancen. Den Wind nutzen wir zu unseren Gunsten: wir suchen uns einfach eine Stelle aus, an der er von links kommt (bei Linkshändern von rechts). So halten wir uns die Fliege vom Körper weg, haben etwas bewegtes Wasser aber keine auflaufende Brandung und können ganz entspannt werfen.

Die richtige Ausrüstung

Rute: Standard an der Küste sind Ruten mit 9’ bis 9’6“ in den Schnurklassen 6 bis 8. Auf Hornhechte kommen auch vierer und fünfer Ruten zum Einsatz. Man sollte stets eine Rute wählen, die die entsprechenden Fliegen ohne Anstrengung auch bei Wind transportiert.  Bei durchschnittlich tausend Würfen pro Tag sollte man grundsätzlich mehr Wert auf ermüdungsfreies Fischen als auf maximale Wurfdistanzen legen.
Rolle: Die Rolle sollte robust und salzwasserbeständig sein und über eine ruckfrei funktionierende Bremse verfügen. Neben der passenden Schnur sollten noch 50 bis 100 Meter Backing Platz finden.
Schnur: In den meisten Fällen ist eine Schwimmschnur die richtige Wahl. Die Keule sollte nicht allzu lang sein, damit sich die Rute früh auflädt und man nur wenige Leerwürfe braucht. Bei bewegtem Wasser können auch Schnüre mit Intermediate-Spitzen zum Einsatz kommen. Schussköpfe und extrem dünne Running-Lines werden zwar oft benutzt, sind aber in der Regel nicht notwendig, da extreme Distanzwürfe in der Praxis nur sehr selten gebraucht werden.
Vorfach: Für das Vorfach gilt die Regel, je länger, desto besser; allerdings nur unter der Vorraussetzung, dass man damit problemlos klar kommt. Es gibt für die Lachs- und Steelheadfischerei aber inzwischen gezogene Vorfächer, die sich auch noch bei einer Länge von 15’ plus 1 Meter Spitze hervorragend strecken. Als Spitzenmaterial sollte man 23er bis 28er hochwertiges Fluorcarbon verwenden.
Sonstiges: Vernünftige Watbekleidung, die  den ganzen Tag warm und trocken hält, ein geräumiger schwimmfähiger Watkescher, eine Stirnlampe für die Nacht und eine Polarisationsbrille für den Tag runden die Ausrüstung für die Küstenfischerei ab.

Fischarten an der Ostseeküste

Die meisten Fliegenfischer kommen natürlich wegen den Meerforellen an die Ostsee. Aber die Küste hat noch einige andere Fischarten zu bieten, die sich mit der Fliege überlisten lassen.
Aber fangen wir mit der beliebtesten Fischart an:

Die Meerforelle: Sie ist mit Sicherheit für die meisten Fliegenfischer der attraktivste Fisch. Man trifft sie das ganze Jahr über in den Uferbereichen der Ostsee an, wo sie zwischen Steinen, Muschelbänken und Blasentang nach Nahrung sucht. Gute Köder sind Imitationen von Garnelen, Kleinfischen, Würmern und Tangläufern. Im Winter und frühen Frühjahr dürfen die Köder etwas bunter und größer sein – Hakengröße 4-6, in der wärmeren Jahreszeit funktionieren eher kleinere natürlich gehaltene Muster. Bei der Nachtfischerei im Sommer kommen voluminöse schwarze Rehhaarfliegen und Gurgler zum Einsatz. Wer sich beim Fischen ruhig und unauffällig verhält, kann die Meerforellen in der Regel in einer Entfernung von deutlich unter 20 Metern fangen. Die oft utopischen Wurfweiten, die immer wieder im Umlauf sind, sind weder realistisch noch notwendig.

Die Regenbogenforelle oder auch Ostsee-Steelhead liebt den gleichen Lebensraum wie die Meerforelle. Oftmals findet man sie sogar in unmittelbarer Ufernähe in nicht einmal knietiefem Wasser. Als Köder kommen annähernd die gleichen Fliegen wie auf Meerforellen zum Einsatz, sie dürfen beim gezielten Fischen auf Steelheads tendenziell ein wenig bunter und nicht zu groß ausfallen. Regenbogenforellen werden in der Ostsee silberblank und entwickeln sich zu temperamentvollen Kraftpaketen, die im Drill wilde Sprünge vollführen.

Der Dorsch: Einst Brotfisch aller Ostseefischer wurde der Dorsch inzwischen von unseren netzfischenden Kollegen an den Rand der Ausrottung gebracht. Dennoch kann man mit etwas Glück nach Einbruch der Dunkelheit den einen oder anderen Fisch im flachen Wasser an die Fliege bekommen. Schwarze Zonker oder Wooly Bugger sind die besten Muster für die nächtliche Dorschjagd. Die Fische kommen in der Dämmerung genau so nah unter Land wie die Meerforellen und können mit dem gleichen Gerät beangelt werden.

Achim Stahl -Steelhead

Der Hornhecht: "Wenn der Raps blüht ist der Hornhecht an der Küste". Das ist eine alte Fischerregel, auf die stets Verlass ist. Ab Mitte Mai trifft man große Schwärme der schlanken schnellen Fische an der gesamten Ostseeküste an. Sie attackieren dann jeden Köder aggressiv und vehement. Allerdings bleiben sie mit ihrem schmalen harten Schnabel nicht leicht am Haken hängen. Am besten fischt man mit kleinen flohkrebsartigen Fliegen in orange oder braun, die man langsam führt, so dass die Hornhechte sie richtig ins Maul nehmen können.

Hornhecht

Die Meeräsche ist der Shooting Star unter den Ostseefischen. Vor einigen Jahren tauchte sie hier als Sommergast  auf und hat seither unzählige Fliegenfischer zur Verzweiflung gebracht. Sie ist eine Diva, die an manchen Tagen unbeschwert jede Fliege akzeptiert, aber wesentlich häufiger alle Angebote ablehnt. Man befischt die Meeräschen am besten auf Sicht und serviert eine grüne oder braune Fliege in ihrer direkten Nähe. Bei Interesse folgen sie der langsam gestrippten Fliege und saugen sie vorsichtig ein. Danach erlebt man einen Drill, den man nie wieder vergessen wird. 

Die Jahreszeiten an der Ostseeküste

Die meisten Gastangler, die mit der Fliege an der Küste fischen wollen, kommen im März bis Mai an die Ostsee. Aber  prinzipiell kann man das ganze Jahr über fischen:

Winter: Tage mit Frost und eisigen Winden sind an der Küste weder angenehm noch Erfolg versprechend. Aber an milderen Wintertagen kann die Fischerei sehr gut sein. Die Meerforellen halten sich nun vor allem in den geschützten Buchten und im Brackwasser auf  und sind dort den ganzen Tag über anzutreffen. Man sollte aber darauf achten, dass man keine Fische im Laichkleid und keine Absteiger entnimmt.
Frühjahr: Mit den ersten wärmeren Frühlingstagen blüht auch das Leben in den Flachwasserbereichen der Ostsee wieder auf. Die Meerforellen sind vom Laichen zurück und suchen in den Uferregionen hungrig nach Nahrung. Den ersten Höhepunkt der Meerforellenfischerei bildet Mitte März die Laichzeit der Seeringelwürmer. Ab April finden sich Schwärme von Tangläufern, Kleinfischen und verschiedenen Garnelen im Flachwasser ein und ziehen die Meerforellen und auch Dorsche magisch an. Sobald auf den Wiesen der Raps blüht kommen auch die Hornhechte an die Küste und sorgen für eine spannende und abwechslungsreiche Fischerei.
Sommer: Der Sommer gilt gemeinhin als Saure-Gurken-Zeit. Allerdings nicht ganz zu Recht. In der Nacht können mit  Muddlern und anderen Oberflächenfliegen blanke Meerforellen in der allerbesten Kondition gefangen werden, und tagsüber findet man in vielen Buchten zahlreiche große Meeräschen, die die spannendste Fischerei und die härtesten Drills an der Ostseeküste bieten.
Herbst: Wenn sich das Wasser wieder abkühlt trifft man die Meerforellen  verstärkt  bei Tag an der Küste. Die Fische haben nun eine sehr gute Kondition und fressen sich Vorräte für den Winter und die Laichzeit an. Der Tisch im Flachwasserbereich ist reich gedeckt mit Kleinfischen und Garnelen. Auch große Dorsche werden nun öfters angetroffen. Meerforellen im Laichkleid haben im Herbst Schonzeit und sollten vorsichtig zurückgesetzt werden. 

Die richtige Platzwahl

Für viele Neulinge an der Küste ist die richtige Platzwahl das größte Problem. Oft erscheint es überall zu flach, oder alles sieht gleich aus, oder man hat einen todsicheren Geheimtipp bekommen, da steht aber die ganze Zeit der Wind drauf.
Bei der Platzwahl sollte man sich folgende Fragen stellen:

  1. Ist viel Futter für die Fische vorhanden? – Die Fische kommen unter Land, um zu fressen. Je mehr Futtertiere sich irgendwo befinden, desto attraktiver ist die Stelle. Blasentang, große Steine, Muschelbänke und Aalgraswiesen beherbergen viele Krebstiere und Kleinfische. Nackter Sandstrand ist wesentlich weniger attraktiv.
  2. Fühlen sich die Fische hier wohl? – Wenn sich die Fische an ihrem Fressplatz nicht wohl fühlen, werden sie sich nur schnell den Magen voll schlagen und kurz darauf wieder verschwinden. Meerforellen fühlen sich nicht sicher, wenn das Wasser sehr flach ist und sie aus der Luft leicht entdeckt werden können. Bei Nacht lässt dieses Sicherheitsbedürfnis aber stark nach. Außerdem sind die Forellen sehr empfindlich gegenüber der Wassertemperatur und des Salzgehaltes. Im Winter und frühen Frühjahr sind Stellen mit relativ hoher Temperatur und wenig Salzgehalt geeigneter, im Sommer verhält es sich umgekehrt.
  3. Kann ich an der Stelle vernünftig werfen und fischen? – Man sollte als Fliegenfischer pragmatisch vorgehen. Uns stehen unzählige Stellen mit Fisch unter Land zur Verfügung, also suchen wir uns eine aus, an der wir entspannt werfen und fischen können. Gegen den Wind und die Brandung anzuwerfen ist anstrengend, spaßverderbend und auch unsinnig. Im Winter drückt ablandiger Wind die kalte Oberfläche von der Küste weg, so dass wärmeres Wasser nachfolgen kann. Also fischen wir ganz entspannt bei Rückenwind. Im Sommer suchen wir uns Stellen mit Wind von links und am besten etwas Strömung für einen guten Wasseraustausch und hohen Sauerstoffgehalt.

    Es gibt eine Menge Broschüren und Bücher, an denen die verschiedenen Stellen beschrieben werden. Zum Beispiel die Angelführer der "Rapsbande" oder die Broschüre „Die 116 besten fünischen Meerforellenplätze" von Fyns Amt. Damit sollte man sich vor seiner ersten Tour an die Küste auf jeden Fall eindecken.

    Sehr empfehlenswert ist auch ein professionelles Guiding. Ein guter Guide zeigt ihnen nicht nur die richtigen Stellen. Er zeigt Ihnen wie sie richtig werfen, die Fliege optimal führen, woran sie die „Hot Spots" erkennen, welche Tageszeit optimal ist und vieles mehr. Achten Sie aber darauf, dass der Guide wirklich über genaue Ortskenntnis verfügt und das Guiding professionell betreibt.
 Achim Stahl - Dorsch Achim Stahl - Meeräsche 

 

 

Bericht/Fotos: Achim Stahl
Layout: Eva Geigl/Royal Flyfishing