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Übergewichtige Insekten – was soll das denn sein? Ja, diese Frage stelle ich mir manchmal selbst wenn ich in die Fliegendosen eines, zufällig am Wasser getroffenen, Fliegenfischers schaue.
Los geht es doch immer gleich: man fischt in aller Seelenruhe und sieht von der Ferne einen anderen Fliegenfischer am Wasser sein Glück versuchen oder "schnaufend unauffällig" nähert sich von rücklings ein Fischerkollege: "Und, wie läufts?" Der zwangsweise Auftakt jedes Gespräches unter Anglern und, egal wie es läuft, der Blick in die Fliegenschachtel des Anderen ist in den meisten der Fälle so heilig wie die Unschuld einer jungen Frau. Ich bin ehrlich, alle Muster zeige ich auch nicht jedem und schon gar nicht, wenn das Gewässer überfischt ist. Und leider sind das in Deutschland die meisten Strecken.
Kürzlich passiert an der Wiesent, diesem schönen aber leider auch völlig überrannten Flüsschen Bayern`s. Sicher, vor der gigantischen Kormoraninvasion war dieser Fluss ein echtes Highligt, die Gewässerstrecken wurden von den Besitzern wie durch Dobermänner bewacht und die deutsche Elite durfte für viel Geld an diesem Gewässer einkaufen. Mutter Natur hat dieser Preistreiberei mit dem schwarzem Vogel ein jähes Ende bereitet und mittlerweile kann man so gut wie in jedem Flussabschnitt für einen 20er pro Tag fischen.
Zurück zu den geheimen Mustern in den Dosen der Fliegenfischer! Wie gesagt, ich traf einen Fliegenfischer - wohlgemerkt ein ganz symphatischer Kerl - der sich am Wasser noch nicht so sicher war wie ich und viele neugierige Fragen stellte. Es war nicht schön dem 10. Fliegenfischer an diesem Tag "Hallo" zu sagen, aber dieser Typ war doch angenehm und wir setzten uns ein paar Minuten und tauschten Meinungen über Fliegen und Angeltaktiken aus. Zudem erkannte er mich und erklärte, dass ich ja sooo viele und schöne Fliegen binden würde. Bei ihm stiegen die Fische zwar manchmal, verweigerten aber die Fliege oder schwammen gar davon wenn diese über sie hinweg trieb. Im Idealfall sollte aber das Fischmaul aufgehen und die Fliege darin verschwinden. Er schaute (natürlich) in meine Fliegenauswahl und stöhnte auch gleich auf! "Die kann man doch nicht zum Fischen nehmen, die sind doch viel zu schön, und wie fein die gebunden sind!" Er präsentierte mir etwas geniert seine Fliegen und ich sah wo zumindest der ein oder andere verscheuchte Fisch seine Abneigung her hatte. Die Fliegen, überwiegend gekaufte Muster von einem großem Internetauktionshaus, waren alle samt zu dick und zu groß. Ich möchte nicht kritisieren, dass große Fliegen in der Schachtel waren, aber wenn eine Trockene der Größe 10 ein halbes Gramm auf die Wage bringt, ist das schon ein mächtiger Brummer. Die Fliegen waren eher lieblos zusammengewickelt und von einer "Kunstfliege" konnte man nun wirklich nicht sprechen. Also was machen viele Anfänger, wenn auch unbewusst, am Bindetisch falsch?
Erst einmal sollte sich Mann oder Frau mit der Natur beschäftigen bevor er oder sie sich an den Bindetisch setzt. Wir wollen ja immerhin ein NATÜRLICHES Insekt nachbilden und nicht den Godzilla der Entomologie ins Wasser werfen. Wie schauen unsere aquatischen Fliegen aus? Unauffällige Farben, nicht wirklich groß, sehr zerbrechlich, alle auf den ersten Blick gleich und dennoch unverwechselbar anders. Mal von den Fischimitaten, Reizfliegen und Landinsekten, wie Käfer, Heuschrecken usw. abgesehen, kommen wir beim Trocken-, Nass- und Nymphenfischen selten über die Hakengröße 10 hinaus. Warum? Weil die Natur es uns vorgibt! Die Fische kennen ihre Nahrung und verweigern in gut befischten Gewässern aus Prinzip alles, was nicht ins Schema passt. Der ein oder andere neugierige Blick, aber am Ende dreht der Fisch ab und verweigert.
In den meisten Fällen beginnt das "Drama" mit mangelnder Kenntnis über unsere Insektenwelt. Klar, was eine Eintagsfliege ist wissen alle und von Steinfliegen und Köcherfliegen liest man ja in fast jeder Ausgabe der einschlägigen Fachmagazine. Wie filigran und dennoch belastbar diese Zwerge sind, wissen allerdings die wenigsten. Wenn sich der interessierte Fliegenfischer einmal so ein kleines Kunstwerk der Natur etwas genauer anschaut, wird er feststellen, dass ein Insektenkörper selten über 2mm Durchmesser hat. In 90% der Fälle sogar unter 1mm! Wie das also nachbilden wenn die meisten Haken schon 0,5mm Drahtstärke aufweisen?

Also zurück zu alten Bindetechniken und Materialien. Das ist für meine Binderei das Schlüsselwort gewesen. Es liegt mir fern, einem "Maßstab" zu setzen oder andere Fliegenbinder zu kritisieren, aber gerade der Anfänger im Fliegenbinden kann hier ganz unbewusst die richtigen Proportionen einer Fliege einhalten.

         
Ich möchte an drei Beispielen diese Materialien und deren Verwendung etwas beleuchten.

Ist die Fliege relativ klein, sagen wir mal unter Hakengröße 12, muss ein Fliegenbinder schon viel Zurückhaltung üben, um einen Insektenkörper zu imitieren. Die Grundwicklung ist gemacht, Schwänzchen ist auch schon dran und die Dubbingschlaufe baumelt am Bindestock. STOP!
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it Dubbing muss man lernen umzugehen und die richtigen Mengen abzuschätzen!
Alternativ verwende ich die Fibern von Schwungfedern oder Deckfedern großer Vögel. Pfau zum Beispiel liefert für fast alles eine geeignete Feder in der richtigen Farbe. Die Fibern der Federn sind stabil, lang genug und zudem noch konisch. Somit lassen sich wunderschöne und filigrane Fliegenkörper binden die kaum auftragen, toll in Farbe und Struktur sind und zudem noch sauber und fusselfrei daher kommen.

Die Verarbeitung zeige ich an den folgenden Bildern auf.

Eine weitere Alternative zum herkömmlichen Dubbing ist die komplette Feder selbst. Diese Bindetechnik wird überwiegend bei CDC - Fliegen eingesetzt und erleichtert das Binden ungemein. Die Feder wird am Ende eingewunden und komplett nach vorn auf den Haken gewunden. Die Verarbeitung sieht man auf den folgenden Bildern.

Zu guter Letzt können auch lange Haare in einer Dubbingschlaufe verdrallt werden. Viele einheimische Tierarten wie Fuchs, Feldhase, Eichhörnchen, Marder eignen sich hervorragend für diese Methode. Auch Fibern von Federn können so verdrallt einen schönen Fliegenkörper ergeben. Die Verarbeitung sieht man bei den folgenden Bildern.

 

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere Fliegenbinder an diese alten und schönen Techniken der Fliegenbinderei und lässt in Zukunft den Dubbing-Dispenser wieder öfter in der Bindetasche. Für den Einsteiger sollten dies praktische Tipps und ausbaufähige Anregungen für filigrane Fliegenkörper sein, denn die Zeit der übergewichtigen Insekten gehört der Vergangenheit an.

 

Bericht/Fotos: Ingolf Augustin
Grafik/Titel/Layout: Eva Geigl/Royal Flyfishing
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