Der Schutz des chinesischen Kormorans Phalacrocorax carbo sinensis Blumenbach 1798 durch die Europäische Kommission ist eine Katastrophe für die Fischfauna, ein Fiasko für den Vogelschutz und ein umweltpolitischer Skandal.

Die europäische Kormoranfrage ist eine sehr komplizierte, kontroversielle und mythenumwobene umweltpolitische Frage im Grenzbereich zwischen Natur und Kultur und zwischen Erhaltungs- und Invasionsbiologie.

Zwei verschiedene Kormorane

Bereits 1979 stellte die Kommission völlig korrekt fest, dass das, was in Europa umgangssprachlich „Kormoran“ genannt wird, der großgewachsene nordatlantische Kormoran Phalacrocorax carbo carbo Linné 1758 (carbo) sowie der beträchtlich kleinere chinesische Kormoran Phalacrocorax carbo sinensis Blumenbach 1798 (sinensis), zwei verschiedene Vögel sind. Derzeit ist der Rang diesen beiden Taxa der von Unterart/geografischer Rasse. Die Entscheidung der Kommission in der Richtlinie 79/409/EWG (Vogelschutzrichtlinie) des Rates vom 2. April 1979 über die Erhaltung der wildlebenden Vogelarten in „Anlage 1 – Arten von besonders großem Erhaltungsinteresse“ den „Phalacrocorax carbo sinensis ǀ Kormoran (kontinentale Rasse)“ aufzuführen, war dagegen falsch und entbehrt wissenschaftlicher Grundlage.

Eine formidabel Expansion

Als die Entscheidung im Jahr 1979 getroffen wurde, gab es nur einige tausend sinensis, verteilt auf einige wenige Kolonien, die über Europa verteilt waren, in Schweden, Polen und Deutschland sowie mit einem Kernbereich in Holland/Dänemark. Der folgende explosionsartige Anstieg der Anzahl von Individuen und Neu-Etablierung von Kolonien in immer mehr europäischen Ländern veranlasste die Kommission 1997 sinensis mit dem Dokument Commission modifies the „Birds“ Directive with respect to the Great Cormorant sinensis aus Anlage 1 herauszunehmen. Die Maßnahme wurde von der Kommission als großer Erfolg für die Vogelschutzrichtlinie und den Vogelschutz betrachtet, es mangelte ihr jedoch an Relevanz für die weitere Expansion, da die Anzahl sinensis in Europa im Herbst 2010 auf fast 2 Millionen geschätzt wurde.

Ein Fiasko für den Vogelschutz

Die Kommission steht mit einer unwissenschaftlichen Verhaltensweise zum sinensis nicht allein. Auch die ideelle Vogelschutzorganisation BirdLife Europe betrachtet die Ausbreitung des „Großkormorans“, d.h. sinensis, als einen großen Erfolg für ihre Vogelschutz- und Lobbyarbeit, obwohl es paradoxerweise genau umgekehrt ist, ein Fiasko, das die Rolle der Organisation als wichtigem Akteur für einen Vogelschutz auf wissenschaftlicher Grundlage unterminiert. In Schweden war die Lobbyarbeit so erfolgreich, dass Naturvårdsverket (das staatliche Amt für Naturschutz) den Verantwortliche für Vogelschutz von BirdLife Sweden (SOF) 2002 und 2010 damit beauftragte, sog. nationalen „Verwaltungspläne für Kormorane“ zu erstellen, was für die Glaubwürdigkeit sowohl der Behörde als auch von BirdLife Swedens verheerend ist.

Mythen oder Wissenschaft

Ringsum in Europa gehen die Wogen der Kormorandebatte hoch und eine Menge Meinungen florieren in Diskussionsforen und Medien. In Deutschland war die Debatte besonders heiß, was BirdLife Deutschland (NABU/LBV) veranlasste, „Den Kormoran“ zum Vogel des Jahres 2010 auszuersehen. Um der Kampagne Gewicht zu verleihen veröffentlichte die Zeitschrift Der Falke eine Sonderausgabe Der Kormoran, Schutz für einen Fischräuber (57/2010) in der eine lange Reihe sehr qualifizierter Vertreter der Vogelforschung in Deutschland ein für alle Mal einige der ihrer Meinung nach falschen Thesen widerlegen sollten, die um „den Kormoran“ florieren, doch es gelang ihnen stattdessen die Leistung, falsche Mythen zu schüren. Dass mit „Der Kormoran“ sinensis gemeint ist, darf als vorausgesetzt betrachtet werden, da heutzutage dazu aufgefordert wird, alle Beobachtungen von carbo in Deutschland an das Deutschen Seltenheitenkommission zu melden.

Dass zwei der Thesen, die zusammengefasst lauten „Der Kormoranbestand in Deutschland, und in Europa, steigt immer weiter an“, stimmen, können alle an Vögeln und Fischen Interessierten, die Zeit an den Gewässern Europas verbracht haben, mit eigenen Augen feststellen. Auch wenn Metadaten deutlich auf große methodologische Schwierigkeiten dabei verweisen, die Anzahl sinensis sicher festzustellen, und die Angaben, die von verschiedenen Seiten berichtet werden, unsichere Schätzungen sind, herrscht kein Zweifel darüber, dass der Zuwachs enorm ist. Lokale zeitweilige Rückgänge, die durch populationsbeschränkende Faktoren verursacht wurden, wie ein lokal verarmter Zugang zu Fisch oder zu Brutgebieten sowie beschwerliche Überwinterungsbedingungen in bestimmten Jahren, können sicher eine bedeutende Jungvogelsterblichkeit und das Verschwinden von Kolonien bedeuten. Auch die Verschiedene Auslegung des EU-Regelwerks seitens der Mitgliedsstaaten hat zu Maßnahmen wie dem Ölen von Eiern und Jagd in den Brut- und Überwinterungsgebieten geführt. Das sind Maßnahmen, die lokal eine gewisse Wirkung gehabt haben, jedoch für den Populationszuwachs insgesamt in Europa von beschränkter Bedeutung waren.

Auch die These „Der Kormoran hat keine natürlichen Feinde“ ist korrekt, da es, mit einer Ausnahme, an solchen in der europäischen Natur fehlt. Zweifelsohne töten Nahrungsopportunisten und Kleptoparasiten wie Seeadler zahlreiche sinensis, doch das hat keine größere Bedeutung für das Wachstum der Population. Im Ernst werden andere invasive Tiere als wichtige bestandsregulierende Räuber von Eiern und Jungvögeln des sinensis hervorgehoben, beispielsweise der nordamerikanische Waschbär. Ironischerweise wird auch der einzige natürliche Feind des sinensis auf europäischem Boden, nämlich der koreanische Marderhund hervorgehoben. Der sinensis hat ein eindrucksvolles Vermehrungspotenzial und kann ein langes Leben haben (über 20 Jahre) sowie bis zu 6 Eier legen (normal sind 3-4). Obwohl die Brut normalerweise erst im Alter von 3 Jahren erfolgt, sprechen die biologischen Voraussetzungen somit eindeutig dafür, dass die Anzahl sinensis in Europa weiterhin stark ansteigen wird, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden.

Eine Katastrophe für die Fischfauna

Die These „Der Kormoran ist für den Rückgang von Fischen verantwortlich“ wird von immer mehr Studien gestützt, die sinensis als den bedeutendsten Mortalitätsfaktor für eine lange Reihe lokaler Fischpopulationen identifizieren. Dies obwohl die Berechnungen häufig auf dem unmittelbaren Verbrauch von Fisch basieren, was nur einen Bruchteil der Gesamtmortalität ausmacht, die sinensis verursacht. Bereits 1979 hatte sinensis beträchtliche Auswirkungen auf die Fischfauna im Anschluss an Brutkolonien und Überwinterungsgebiete. Mit der fortgesetzten Ausbreitung wurden immer mehr lokale Fischpopulationen durch den gesteigerten Prädationsdruck stark getroffen. Zunächst wurden vor allem Schäden an den für die Fischerei interessanten limnischen Arten wie Flussbarsch, Hecht und Zander festgestellt, doch später auch an marinen Arten wie Dorsch und migratorischen Arten wie Aal sowie Lachs und Forelle. Besonders akut ist die Bedrohung von bestimmten auf der roten Liste stehende Arten wie Nase (Chrondrostoma nasus) und Europäische Äsche, die Gefahr laufen ausgerottet zu werden, was große genetische Verluste zur Folge hätte. Mit mehreren Millionen sinensis, die in europäischen Gewässern fischen, ist eine Katastrophe für die europäische Fischfauna im Gange und das ist genau das Gegenteil der Richtlinie 200/60/EG des Europäischen Parlaments vom 23. Oktober 2000 (Wasserrahmenrichtlinie) und sollte alle europäischen Umweltfreunde, Erhaltungsbiologen und Genetiker beschäftigen, und nicht nur eine Angelegenheit für verzweifelte Fischschutzer sein.

Die vielleicht kontroversiellste These, „Der Kormoran ist kein einheimischer Vogel“ wird von Professor Kinzelbach, einem der prominenten Kenner der historischen Vogelfauna in Europa, mit Bestimmheit zurückgewiesen. In Nomenklatur und Geschichte: der Kormoran in Mitteleuropa entwickelt Kinzelbach in einem Artikel von 1999 mit dem Titel Kormoran im Binnenland Mitteleuropas: Eingeschleppt … (Der Falke 46) das Argument, das den Verdacht, der von mehreren Seiten vorgebracht wurde, dass sinensis ein nach Europa eingeführter Vogel ohne historische Heimat hier sei, kraftvoll zurückweist. Zu Beginn gelingt es Kinzelbach, carbo und sinensis auseinanderzuhalten, doch bald verwechselt er die beiden Taxen und behauptet bestimmt, dass subfossile Funde in Europa aus sinensis bestehen, obwohl nur carbo mit Gewissheit nachgewiesen wurde. Ältere historische Angaben über „Kormorane“, beispielsweise von Hildegard von Bingen (12. Jh.), Kaiser Friedrich II. (13. Jh.) und Conrad Gessner (16. Jh.) bilden laut Kinzelbach unmissverständliche Belege für sinensis. Dies obwohl sie sich einfacher mit Beobachtungen des dann in der letzten Eiszeit in Europa natürlich vorkommenden carbo erklären lassen, einem Vogel, der früher entlang des Großteils der europäischen Küsten, im Mittelmeer und in der Ostsee brütete und der zu allen Zeiten und insbesondere in den Wintern gelegentliche Besuche tief im Binnenland gemacht hat. Auch die von Kinzelbach angeführten Angaben über Brüten in Bäumen, sowohl sinensis als auch carbo sind fakultative Baumbrüter, oder die Etymologie stützen die Behauptung, dass sinensis eine lange europäische Geschichte habe, nicht.

Die Schrift Der Kormoran, Schutz für einen Fischräuber? wird sicherlich Gegenstand wissenschaftshistorischer Studien werden und illustriert die Gefahr, dass blinde Vogelliebe das Offenbare nicht sieht und Glauben und Gefühle mit Wissenschaft verwechselt. Trotz Zugang zur wissenschaftlichen Literatur in aller Welt nicht fähig zu sein, die richtigen Fragen zu stellen. In die typologische Falle zu gehen und sich auf einzelne fundamenta divisionis zu verlassen, anstatt auf eine methodische Analyse basierend auf allen verfügbaren biologischen und historischen Angaben. Eines der Fundamente der wissenschaftlichen Biologie, die korrekte Bestimmung des untersuchten Organismus, hintanzusetzen, und stattdessen allgemeine Bezeichnungen wie „Kormoran“ oder „Großkormoran“ zu verwenden, anstatt konsequent und klar die relevanten Taxen, carbo und sinensis, auseinanderzuhalten. Das ist ein Versäumnis, das sich, bis auf einige wenige Ausnahmen, durch die lange Reihe von Arbeiten die in den letzten 30 Jahren zu dem Thema publiziert wurden, zieht und dadurch die „Kormoranfrage“ biologisch unverständlich gemacht hat. All das hat, mit oder ohne Absicht, zu etwas geführt, das besser mit dem Begriff Desinformation zu bezeichnen ist.

Ein umweltpolitischer Skandal

Letztlich ist jedoch die Europäische Kommission durch die falsche Entscheidung 1979 für die ernsten ökologischen und wirtschaftlichen Schäden, die sinensis der Natur, Fischfauna und Fischerei Europas zufügt, verantwortlich. Die gesammelten Kosten betragen wohl viele Millionen € und steigen jedes Jahr. Auch die genetischen und ökologischen Gefahren für carbo sowie die Gefahr, dass sinensis Parasiten, Bakterien und Viren in der europäischen Fauna verbreitet, machen die Kormoranfrage allzu ernst, um auf einen gefühlsgeladenen Streit  zwischen Vogelfreunden und Fischern reduziert zu werden.
Erstaunlicherweise fehlt sinensis auf der Liste 100 of the worst´invasive aliens in Europé, die mit Pauken und Trompeten 2008 vom Projekt der Kommission Delivering Alien Invasive Species In Europe (DAISIE) vorgestellt wurde. Sinensis hätte dort, was die Auswirkung auf die Biodiversität, Wirtschaft und Gesundheit angeht, ein Platz weit oberhalb von Kanadagans, Schwarzkopfruderente und Heiligem Ibis verliehen werden sollen. Seltsamerweise fehlt sinensis auch in der Strategie gegen invasive fremde Arten, die die Kommission 2010 vorstellte.

Um den Fehler der Kommission hinsichtlich sinensis zu beheben und die Gefahren zu senken, dass sich ähnliche umweltpolitische Skandale wiederholen, muss die Europäische Kommission unmittelbar:

• gemäß dem Subsidiaritätsprinzip das Regelwerk der EU revidieren, so dass formale Hindernisse für die Mitgliedsstaaten, Phalacrocorax carbo sinensis Blumenbach 1798 auf der Liste von Tieren, die das ganze Jahr über gejagt werden dürfen zu führen, beseitigt werden und somit das Erstellen wissenschaftlich und ethisch korrekter nationaler Maßnahmeplänen gegen diesen fremden invasiven Vogel zu ermöglichen.

• eine transparente Prüfung des Verfahrens und der wissenschaftlichen Unterlagen zu sowie der biologischen und wirtschaftlichen Folgen der falschen Entscheidung der Kommission 1979 durchführen.

1.3.2011
Autor: Christer Olburs
Ein an Vögeln und Fischen interessierter Biologe sowie Verfasser des Essays „The chinese cormorant Phalacrocorax carbo sinensis Blumenbach, 1798 - an alien bird 15/10/2008” (Der chinesische Kormoran Phalacrocorax carbo sinensis Blumenbach 1798 – ein fremder Vogel 15.10.2008).
Layout: Eva Geigl