Die Äsche – ein gefährdeter Charakterfisch

Bericht von Prof. Dr. Jürgen Geist

Mit der Wahl der Äsche (Thymallus thymallus) zum Fisch des Jahres 2011 wird auf die besondere Gefährdung dieser Charakterart heimischer Fließgewässer aufmerksam gemacht. Die Äsche ist der namensgebende Fisch der Äschenregion, die sich in natürlichen Fließgewässern zwischen der Forellen- und Barbenregion befindet. Äschen werden aus fischereilichen und ästhetischen Gründen hoch geschätzt und erfüllen damit die Kriterien einer Flaggschiffart, die symbolisch mit dem Leitbild eines intakten Fließgewässers verknüpft ist. Gleichzeitig reagiert die Äsche als sauerstoffbedürftige, strömungsliebende und kieslaichende Fischart äußerst empfindlich auf Veränderungen der Wasserqualität (alle Altersstadien) und der Gewässersohle (v.a. Ei- und Brutentwicklung) und erfüllt damit Kriterien einer Indikatorart für den Zustand von Fließgewässerhabitaten.

Trotz intensiver Schutzbemühungen, häufig verbunden mit Besatzmaßnahmen, befinden sich ehemals intakte Äschenbestände heute oftmals in einem desaströsen Zustand. Die Ursachen hierfür werden kontrovers diskutiert. Relativ unstrittig ist der Befund, dass intakte Äschenbestände von naturnahen Strukturen in Fließgewässern profitieren, wie sie heute sehr selten geworden sind. Dies bezieht sich nicht nur auf die ausgeprägte Fragmentierung von Fließgewässer-Lebensräumen durch Querbauwerke und die Veränderung natürlicher Abflussregime, sondern auch auf die zunehmende Verschlammung von Kieslaichplätzen, auf die Äschen für die Reproduktion zwangsläufig angewiesen sind. Veränderungen im sensiblen Gleichgewicht von Erosion und Sedimentation in Oberläufen von Fließgewässern resultieren meist aus veränderter Landnutzung (z.B. Umbruch von Grünland in Ackerland, intensiver Maisanbau, geringe Pufferstreifen) und aus wasserbaulichen Maßnahmen mit strukturellen Auswirkungen (z.B. Begradigungen, Totholzentnahme etc.).

Daneben existieren einige gute Beispiele, die den Einfluss von Kormoran und Gänsesäger auf Äschenbestände eindrucksvoll dokumentieren. Unabhängig von der Klärung der Ursachen des Rückgangs haben es Äschenpopulationen, deren effektive Populationsgröße sehr klein geworden ist, besonders schwer. Bei einer geringen Zahl an Laichfischen sinkt zwangsläufig die Zahl befruchteter Eier sowie die räumliche Verteilung der Eier durch eine geringe Zahl von Laichgruben. Bei kleinen Zahlen steigt typischerweise das Risiko eines Totalausfalls und des Aussterberisikos für eine Einzelpopulation. Schwierigkeiten in kleinen Populationen können auch darin begründet sein, dass sich bei geringen Populationsdichten keine geeigneten Laichpartner mehr finden oder bei einem Katastrophenfall die letzten Tiere einer Population ein erhöhtes Aussterberisiko besitzen.

Doch wie und wo sollte ein effektiver Arten- und Gewässerschutz ansetzen?

Das langfristige Ziel der flächendeckenden Wiederherstellung funktioneller Fließgewässerhabitate, von denen die Äsche sicherlich profitieren würde, erscheint in einem dicht besiedelten Kulturraum derzeit praktisch unerreichbar. Daher ist wohl die Konzentration der Anstrengungen auf ausgewählte, besondere Bereiche unvermeidbar. Hierbei kann der aktuelle Status von Äschenpopulationen, aber insbesondere auch das Vorkommen weiterer seltener oder schützenswerter Arten, Hilfestellungen bei der räumlichen Auswahl bieten.

Auf innerartlicher Ebene kann hierbei auch die molekularbiologische Forschung  wichtige Informationen zum Vorkommen genetisch-evolutiv besonderer und daher prioritärer Populationen liefern. Bei der Äsche liegen entsprechende Arbeiten vor und sollten im Artenschutz Berücksichtigung finden. Neben dem langfristigen Ziel der Wiederherstellung intakter Fließgewässerkorridore, die oftmals sehr kosten- und zeitintensiv sind, können kurz- bis mittelfristig besondere Populationen gestützt werden, was auch ein entsprechendes Management fischfressender Vögel einschließt. Bei der halbnatürlichen Vermehrung zur Erzeugung von Satzfischen sollte idealerweise möglichst wenig Selektion ausgeübt werden, um das genetisch-evolutive Potenzial einzelner Populationen zu erhalten.

Bericht: Prof. Dr. Jürgen Geist / TU München Weihenstephan
Foto/Layout: Eva Geigl