Eine Betrachtung der "Kormoranfrage" aus einer schwedischen Perspektive.
(23.2.2010)

Der Beschluss der EU 1979, eine Unterart bzw. geographische Rasse, den sogenannten chinesischen Kormoran Phalacrocorax  carbo sinensis Blumenbach 1798, in Anlage 1 der Vogelschutzrichtlinie aufzuführen, war eine umweltpolitisch falsche Entscheidung mit ernsten Folgen für die europäische Fauna.  Schwedens EU-Beitritt 1995 bedeutete Einschränkungen für die Jagd und Verwaltung sowohl des ursprünglichen nordatlantischen Kormorans Phalacrocorax carbo carbo Linné 1758, wie von P.c.sinensis, da zwischen diesen beiden Taxa kein Unterschied gemacht wurde.
Etwa gleichzeitig mit dem schwedischen EU-Beitritt veröffentlichte Birdlife Sweden (Sveriges Ornitologiska Förening, SOF) "Skarvarna i Kalmarsund" [Die Kormorane im Kalmarsund] (Lindell u.a. 1994) wo fälschlicherweise behauptet wird, dass archäologische Funde von Kormoranknochen im Skedemosse einen Nachweis darstellen, dass der chinesische Kormoran P.c.sinensis auf Öland in der Ostsee seit Urzeiten gebrütet hat und erfreulicherweise nach der jahrhundertelangen Verfolgung durch Menschen in die schwedische Fauna "zurückgekehrt" sei. Eine Behauptung, die sich nicht nur Vogelinteressierte und Vogelschutzorganisationen unkritisch angeeignet haben, sondern auch wissenschaftliche Einrichtungen wie die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften (KVA) und die Universität sowie die zuständigen Behörden Naturvårdsverket (Staatl. Amt für Umweltschutz) und Fiskeriverket (Fischereiamt). Ein ähnlicher Verlauf und eine ähnliche Argumentation finden sich auch in Deutschland und in den meisten Ländern in Europa, wo die "Kormorandebatte" auch im selben Takt wie die schnell zunehmende Anzahl von P.c.sinensis angewachsen ist.
Im Jahr 2008 stellte ich eine kritische Untersuchung der veröffentlichten Angaben über den Kormoran in einem Essay mit dem Titel "Den kinesiska skarven Phalacrocorax carbo sinensis Blumenbach 1798- en främmande fågel" [Der chinesische Kormoran Phalacrocorax carbo sinensis Blumenbach 1798- ein fremder Vogel], zusammen, der für alle Interessierten frei zugänglich ist (suche im Internet unter "olburs kormoran"). Der Essay weckte u.a. in Finnland Aufmerksamkeit, wo er im Jahr 2009 zu einer sehr lebhaften Kormorandebatte sowie auch zu einer behördlichen Maßnahme beigetragen hat.  Die Regierung der Provinz Åland fasste im Sommer 2009 einen Beschluss über die Jagd auf Kormorane, was Birdlife Finland veranlasste, "Åland bei der EU anzuzeigen". Wie die Klage formuliert ist und auf welchen Kormoran sie sich bezieht, ob, P.c.carbo oder P.c.sinensis, wollen weder Birdlife noch die Europäische Kommission trotz mehrfacher Aufforderung veröffentlichen.

Auch in Schweden hat die Kormorandebatte dank Leserbriefen und Artikeln in Jagdzeitschriften an Fahrt gewonnen.  Zuständige Behörden und Umweltorganisationen haben sich größtenteils dazu entschlossen, die zunehmende Debatte mit Schweigen zu übergehen. Erst ein Jahr nach der Veröffentlichung meines Essays sammelte Birdlife Sweden (SOF) in Vår Fågelvärld (7/2009) Kraft, um meine "fantasievollen und wirklichkeitsfremden Schlussfolgerungen" zurückzuweisen, indem sie den Leiter für Vogelschutz von SOF, Henri Engström, der "Über die Spezies Großer Kormoran" promoviert hat, meinen Essay kommentieren ließen. Engströms sehr umfangreichen Kommentaren gelingt das Kunststück, nicht eine einzige neue sachliche Information hinzuzufügen, dagegen werden bewusste Falschzitate und pure Dummheiten vorgebracht, die ein fehlendes Leseverständnis und eine mangelnde wissenschaftliche Kompetenz enthüllen. Engström weist meine Schlussfolgerungen komplett zurück, ist jedoch verblüffend genug der Ansicht, dass weitere Forschung erforderlich sein könnte und wiederholt deshalb meine Vorschläge. Das ist eine freche Bettelei, weil der schwedische Staat bereits bedeutende Kosten für eine schlechte Kormoranforschung und einen unselbstständigen und inkompetenten Umgang mit der "Kormoranfrage" seitens zuständiger Behörden hatte. Außerdem kommen beträchtliche wirtschaftliche Schäden für die Fischereiwirtschaft und Grundbesitzer hinzu.

Die Sache sollte eher Gegenstand einer Untersuchung seitens des schwedischen staatlichen Rechnungshofs (Riksrevisionen) sein. Der Leitung von Birdlife Sweden kommt eine große Verantwortung dafür zu, dass das Vogelinteresse der Allgemeinheit infantilisiert wird und dass wissenschaftliche Ornithologie durch märchenhafte Anekdoten ersetzt wird, dass engstirnige Vogelbeobachterknappologi und die Jagd nach "Häkchen" in ihrer extremsten Form zu einer Manie für eingeführte Spezies geführt hat. Die schwedische Ornithologie befindet sich im freien Fall und Wissenschaftler wie Olof Rudbeck d. J. Sven Nilsson und Einar Lönnberg wurden durch ignorante und ungebildete Schreibtischökologen ersetzt.
Ringsum in Europa geht die Debatte über den Kormoran weiter, ohne dass eindeutig hervorgeht, ob P.c.carbo oder P.c.sinensis gemeint ist. In Deutschland hat Birdlife (Nabu, LBV), den Kormoran zum Vogel des Jahres 2010 und zu einem Symbol für den Vogelschutz gewählt, um "den Kormoran zu schützen, der nach seiner Rückkehr an den deutschen Seen, Flüssen und Küsten zu tausenden geschossen wird".
Gleichzeitig setzt P.c.sinensis die Expansion nach Norden entlang der norwegischen Küste fort, wo der Kontakt mit dem natürlich auftretenden P.c.carbo ernste genetische und ökologische Gefahren mit sich bringt, und somit liegt auf Naturschutzbehörden und Vogelschutzorganisationen eine schwere Verantwortung. Das Durcheinander aus fantasievollen und widersprüchlichen Erklärungen dafür, dass P.c.sinensis, der ein einzigartiger und geschickter Fischer und Nahrungsopportunist ist, sich in Europa so außerordentlich gut zurechtgefunden hat, muss mit einem scharf geschliffenen Rasiermesser von Ockhams zurechtgestutzt werden. Mit regelmäßigen Abständen brechen verwirrende Scheindebatten aus, beispielsweise über die Anzahl der Kormorane. Dies ist ein sinnloses Zahlenspiel, weil die Anzahl von P.c.sinensis in der europäischen Fauna genau gleich groß sein sollte wie die Anzahl von Marderhunden, d. h. null.
Der chinesische Kormoran P.c.sinensis ist selbstverständlich weder böse noch gut, er ist ein insbesondere im Paarungskleid sehr schöner Vogel mit einer interessanten Biologie und Verbreitungsgeschichte.  Die Wut, die viele verspüren, darf deshalb nicht gegen einen unschuldigen Vogel, sondern muss, mit der Forderung, dass P.c.sinensis sofort auf die Liste über Tiere gesetzt wird die ganzjährig gejagt werden dürfen, gegen die verantwortlichen Politiker und Mitarbeiter von Behörden gerichtet werden.
Der Kormoran ist zu einem weiteren Symbol für den Gegensatz zwischen Stadt- und Landbewohnern in Schweden geworden.  P.c.sinensis ist immer häufiger im Park Pildammsparken in Malmö, auf den Duckdalben im Fluss Göta in Göteborg und in der Bucht Strömmen in Stockholm zu sehen. Wenn das Brüten auf den Dächern der Regierungsgebäude bei Rosenbad und in den Bäumen am Reichstagsgebäude auf dem Helgeandsholm beginnt, werden verantwortliche schwedische Politiker und Angestellte endlich die Gelegenheit bekommen, den Vogel des Jahres 2010 aus etwas näherer Entfernung zu erforschen.


Christer Olburs
an Vögeln interessierter schwedischer Schärenbewohner und Biologe mit Ausrichtung auf Fischbiologie, Fischerei und Aquakultur

Layout/Grafik: Eva Geigl