Dohlenkrebs-Artikel-Naturschutzblatt

Dohlenkrebse sind wohl die bizzarsten Tiere unserer Gewässer. Ihr Lebensraum waren die Bäche und Entwässerungsgräben der Talniederung. Dohlenkrebse waren weit verbreitet und wohl jeder ältere Obstbauer aus Lana, Burgstall oder dem Überetsch kennt die Tiere noch aus Kindheitstagen. Dohlenkrebsvorkommen gab es aber auch im Eisacktal und Pustertal bis hinein ins Tauferertal. Es muss einst ungeheure Mengen des Dohlenkrebses gegeben haben. So gab es auch in Südtirol Berufzweige, die ihre Einkünfte aus dem Verkauf von Krebsen und Froschschenkeln bezogen. Die Krebse wurden mit Reusen oder nachts händisch mit Fackellicht gefangen und in Körben auf den Märkten angeboten.

Auch im Sprachgebrauch haben die Flusskrebse Spuren hinterlassen, welche ihre enorme Bedeutung gerade für ärmere Bevölkerungsschichten belegen. So bezeichnete ein älterer Herr die Burgstaller abfällig als „Krebser“ und das Wort „rummkrebsn“ zeugt wohl auch davon, dass gerade für ärmere Leute der Verzehr von Krebsen eine wichtige Proteinquelle darstellte. Viele Bäche tragen heute noch den Namen „Krebsbach“. Die wenigsten beherbergen noch die namensgebenden Tiere, denen durch menschliche Eingriffe die Lebensgrundlage entzogen wurde.

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Europäische Flusskrebse

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Neben dem etwa bis zu 12 cm großen heimischen Dohlenkrebs gibt es noch drei andere Europäische Flusskrebsarten, und zwar den Edelkrebs (bis zu 20 cm), den Steinkrebs (12 cm) und den Galizierkrebs (18 cm). In Südtirol gibt es ein Edelkrebsvorkommen im Tauferertal, welches wahrscheinlich auf einen mittelalterlichen Besatz zurückzuführen ist. 

Die amerikanische Bedrohung

Während in anderen Teilen Europas vor allem durch die Einschleppung der Krebspest, einem für europäsche Krebsarten tödlichen Schlauchpilz, die Bestände an Edel- und Dohlenkrebsen auf kleine Restbestände dezimiert wurden, ist in Südtirol vor allem die Lebensraumzerstörung für den dramatischen Rückgang verantwortlich. Der tödliche Krankheitserreger wurde mit amerikanischen Flusskrebsen, welche selbst weitgehend immun dagegen sind, nach Europa gebracht. Mittlerweile gibt es auch in unseren Gewässern drei Bestände von Einwanderer aus den USA, welche punktuell den heimischen Dohlenkrebs verdrängt haben. Im Vahrner See war es der Kamberkrebs, im Aufischerbachl (Dietenheim) und im Moosbachl (St. Georgen) war es der Signalkrebs. Der Signalkrebs wird auch in Südtirol zu kulinarischen Zwecken gezüchtet und gefährdet somit latent die wenigen verbliebenen Restbestände. 


Signalkrebs
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Nachtaktive Lebensweise

  

Erst bei Einbruch der Dunkelheit verlassen die Krebse ihre Verstecke und machen sich auf die Nahrungssuche. Krebse sind Allesfresser. Ihr Speiseplan reicht von abgestorbenen Pflanzenteilen, Wasserpflanzen, Falllaub über Schnecken, Insektenlarven, Würmer bis zu toten Fischen. Sie werden deshalb auch als „Gesundheitspolizei“ bezeichnet, da sie abgestorbenes pflanzliches und tierisches Material direkt verwerten und somit Fäulnisprozesse einschränken. 

Im Herbst ist Brautschau

Sobald im Herbst die Gewässertemperatur absinkt, machen sich die Männchen auf zur Brautschau. Wenn es auf ein Weibchen trifft, versucht das Männchen sie auf den Rücken zu drehen, um ihr auf der Körperunterseite Spermapakete anzukleben. Nach einiger Zeit ziehen sich die Weibchen zurück und drehen sich auf die Seite, um die Eier auszustossen und sie auf der Schwanzunterseite anzuheften. Die Eier werden dann mit einer Schleimhülle überzogen.

eiertragendes Weibchen


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Dieses Schleimzelt löst die verhärteten Spermapakete auf, und die eigentliche Befruchtung kann erfolgen. Die Muttertiere betreiben darauf bis zum Frühjahr fürsorgliche Brutpflege, indem sie durch rhythmisches fächeln mit den Ruderfüßchen für die nötige Frischwasserzufuhr sorgen, um abgestorbene Eier zu entfernen und um eine Verpilzung benachbarter Eier zu verhindern. Anfang Juni schlüpfen die Krebslarven und verweilen noch zwei- drei Wochen bis zur zweiten Häutung im mütterlichen Schutz.

Ansprüche an den Lebensraum

Mit der grossen Etschverbauung und der einhergehenden Erschließung des Talgrundes, hat sich aus einem von Auwäldern, Mösern, großen Schilfflächen und Heiden bestimmtes Landschaftsbild nach und nach schließlich in ein intensiv genutztes Obstbaugebiet verwandelt. Die Etsch wurde kanalisiert und unzählige Kilometer Gräben wurden ausgehoben, um die Möser zu entwässern und den Talgrund landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Manche dieser Gräben sind heute noch Rückzugsgebiet und Kinderstube für verschiedene Fischarten und verschiedene andere an Wasser gebundene Tiere und Pflanzen. Für Flusskrebse jedoch haben sie ihre Bedeutung fast völlig verloren. Hauptsächlich verantwortlich dafür dürfte der extreme Nutzungsdruck, Instandhaltungsmaßnahmen für Entwässerungsgräben, Pestizideinträge und ein oft übertriebener Fischbesatz sein:

  • Nutzungsdruck: jeder Quadratmeter Obstwiese wird genutzt, die Bäume werden möglichst dicht gepflanzt, die Fahrrinnen schmal gehalten und die Bäume meist unmittelbar an den Rand der Gräben gepflanzt.
  • Instandhaltungsmaßnahmen für Entwässerungsgräben: In regelmäßigen Abständen werden die Gräben ausgebaggert, um das Abflussgeschehen zu gewährleisten. Diese Aushubarbeiten, welche einst händisch gemacht wurden, zerstören die Wohnhöhlen der Krebse im Uferbereich und berauben sie über einen längeren Zeitraum ihrer Nahrungsgrundlage.

    Um die Gräben für Bagger zugänglich zu halten, wird der Uferbereich frei von Sträuchern und Bäumen gehalten.

    • Pestizideinträge: Ein bebuschter Uferstreifen könnte Düngemittel- und Pestizideinträge zum Teil abpuffern und würde verhindern, dass der Sprühnebel direkt ins Gewässer gelangen kann. Zudem würde ein Ufersaum durch eine Abschattung den übermäßigen Makrophyten-Bewuchs, der gut gedüngten Gewässer verhindern, welche den Abfluss bremsen, und somit Aushubarbeiten in manchen Fällen unnötig oder seltener notwendig machen.
    • Fischbesatz: Fische sind nicht die einzigen Tiere in einem Gewässer. Der Besatz geschieht oft ohne die Überlegung, welche Fischdichte denn für das jeweilige Gewässer überhaupt ökologisch zuträglich ist.
     

    Eine Krebszucht im Ultental

    Hubert Egger

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    Flusskrebse haben den Ultner Hubert Egger schon in den Kindheitstagen fasziniert. Mit seinem Bruder hat er sich zu nächtlichen Streifzügen aufgemacht, um die Tiere zu suchen und zu beobachten. Bei Aushubarbeiten an den Lananer Gräben war er oft dabei, um die Dohlenkrebse aus dem Aushubmaterial aufzusammeln und wieder ins Gewässer zu setzen, dabei hat er natürlich den einen oder anderen Dohlenkrebs mitgehen lassen, um die Tiere bei sich zu Hause im Teich oder Aquarium aufzuziehen. So hat er, ohne sich lange der Literaturrecherche hinzugeben, mit den Jahren wertvolle Erfahrungen gesammelt, denn Wildtiere zu züchten ist keine einfache Sache. Nach eigenen Angaben hat sich Hubert sein Wissen ausschliesslich durch Beobachten und in einfachen Versuchen angeeignet.

    Der gelernte Kühltechniker hat mittlerweile eine ausgeklügelte Zuchtanlage eigenhändig zusammengebastelt, mit dem er den Temperaturverlauf und Sauerstoffgehalt eines natürlichen Krebsgewässers im Jahresverlauf nachahmt und für die Zucht optimiert hat. Ebenso muss das Futterangebot den Jahreszeiten und der Temperatur des Gewässers angepasst sein. Ihm geht es dabei nicht um möglichst große Zuwachsraten, sondern darum, Besatzkrebse aufzuziehen, welche in der freien Natur mit den gegebenen Bedingungen auch zurechtkommen. Hubert Egger hat dafür keinen Aufwand gescheut und investiert täglich zumindest bis dato unentgeltlich mehrere Stunden seiner Freizeit.
    „Aqua vivendi“ 

    Die Biologen Josef Leiter und Andreas Declara, der Diplom Ingenieur Andreas Riedl und der Ultner Krebszüchter Hubert Egger sind über das Interesse für die Zehnfußkrebse inzwischen Freunde geworden und haben beschlossen ihre Kräfte und Erfahrungen zu bündeln. Sie haben dazu kürzlich den Verein „Aqua vivendi“ ins Leben gerufen, der sich dem Schutz unserer Kleingewässer insbesondere des heimischen Dohlenkrebses verschrieben hat. Ziel des Vereins ist es, den Dohlenkrebs in ausgewählten und ökologisch wertvollen Gewässern wieder anzusiedeln und nach Möglichkeit einst besiedelte Gewässer zu renaturieren. Diesen Gewässern soll ihre strukturelle Vielfalt zurückgeben werden, die sie brauchen um den Krebstieren einen geeigneten Lebensraum zu bieten. Der Verein wird demnächst auch über eine eigene Homepage: www.aquavivendi.it erreichbar sein.  

      Literaturhinweise 

    Adami, V., Gasser M. (1994): Rote Liste der gefährdeten Zehnfusskrebse (Decapoda) Südtirols. -In Autonome Provinz Bozen-Südtirol (Hrsg.) Rote Listen gefährdeter Tiere Südtirols.

    Eder E., Hödl E., Hödl W. (Hrsg.) (1998): Flusskrebse Österreichs  Stapfia Verlag

    Hofmann J. (1980): Die Flusskrebse. Biologie, Haltung und wirtschaftliche Bedeutung. -2. Auflage, Verlag Parey, Hamburg und Berlin.

    Hager, J. (2002): Edelkrebse. Biologie Zucht Bewirtschaftung – Verlag Leopold Stocker, Graz.

     

    Ein Bericht im Auftrag von Hubert Indra (Castingclub Südtirol)
    Urheber der Fotos: Verein "Aqua Vivendi"
    Foto Signalkrebs: Gerhard Schnöller
    Grafik: Eva Geigl