Vom Fang (September 2006) einer besonders grossen Marmorierten Forelle in der Falschauer (Falschauerbach) oberhalb des Zoggentaler Stausees blieben dem Fliegenfischer Claudio Temellin nur mehr einige Schuppen übrig, welche am Fischergilet bzw. am Boden gesammelt wurden. Nach der Landung konnte sich der Fisch tatsächlich wieder befreien und ins Wasser gelangen. Diese Schuppen, welche mir durch den gemeinsamen Freund Christian Marseiler überreicht wurden, konnte ich nachfolgend zur Altersbestimmung präparieren, mikroskopisch untersuchen, untereinander vergleichen und fotografieren.

Eine Schuppe kann oft sehr viel erzählen. Da die Schuppen den gesamten Körper bedecken müssen, hängt der Zuwachs beider eng zusammen. Es gibt also innerhalb einer bestimmten Zeitspanne eine ziemlich genaue Korrelation zwischen dem Längenzuwachs des Fisches und dem parallelen Zuwachs des Radius einer Schuppe. Ist die Breite eines Jahresringes (von einem bis zum nächsten Winterring) doppelt so gross wie diejenige eines anderen Jahres, so ist ein Zuwachs der Körperlänge anzunehmen, welcher genau doppelt so gross ist.

Aus dem beigelegten Bild einer der untersuchten Schuppen - die gelben Pfeile zeigen die Winterringe an - geht Folgendes hervor:

  • Die abgebildete ist eine Ersatzschuppe, also eine Schuppe, welche beim Brütling noch nicht vorhanden war und sich kurz nach dem Schlüpfen (höchstwahrscheinlich bereits im Frühjahr/Sommer) zum Ersatz einer verlorenen Schuppe entwickelte. Der erste Winterring (Schuppenzentrum, zwei Pfeile) ist, wie es oft vorkommt, eher undeutlich, doch erkennbar.
  • ein normaler, leicht zurückgehender Längenzuwachs findet in den Lebensjahren 1-3 statt.
  • Das 4.Jahr ist durch einen einschneidenden Rückgang des Wachstums gekennzeichnet.
  • Ab dem 5. ist eine deutliche Wende wahrzunehmen. Der Zuwachs steigt wieder deutlich im 5., beeindruckend stark im 6.Jahr und bleibt in den nachfolgenden Jahren (7-8) immer noch beachtlich, während der Zuwachs vom 9.Jahr, also dem letzten, unvollkommenen Lebensjahr vor dem "Fang", anhand der Jahreszeit (Spätsommer) noch nicht gut erkennbar ist.

 Schuppe einer Marmorata

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Der nach den Angaben des Fischers zwischen 90 und 100 cm lange Fisch war (ist!) also 9 Sömmer bzw. 8+ Jahre alt.

Die unregelmässigen Zuwachswerte im Laufe des Lebens sind in diesem Falle mit grösster Wahrscheinlichkeit auf eine wesentliche Umstellung der Ernährung zurückzuführen. Bei gleichbleibendem Lebensraum und Nahrungsangebot und anhand der Tatsache, dass die Geschlechtsreife (ab dem 3.-4. Lebensjahr) mit einem beachtlichen Energieaufwand verbunden ist (Energie für die Fortpflanzung = weniger Spielraum für den körperlichen Zuwachs!) ergibt sich normalerweise das Bild eines im Laufe der Jahre ständig zurückgehenden Zuwachses, welcher bis zur beinahe vollkommenen Stagnation führen kann. Dass Forellen in einem bestimmten Gewässer ab einer jeweils unterschiedlichen Grösse nur mehr minimal wachsen, ist vielen Fischern bekannt. Damit hängt darüber hinaus die "gewässerspezifische" Angabe der Maximallänge einer Fischart zusammen, welche vielfach (ganz spezifisch auf den britischen Inseln) üblich und längst bekannt ist.  

Doch, jede Regel hat ihre Ausnahme

Die auffallenden Zuwachswerte in denjenigen Lebensjahren, welche sich in der Regel durch eine fortlaufende Abnahme des Wachstums kennzeichnen, können bei dieser Forelle durch eine Diät erklärt werden, welche sich ab dem 5.Jahr hauptsächlich aus Fischen zusammensetzte. Dass im fortgeschrittenen Alter immer wieder andere Nährtiere (Wirbellose, Amphibien) erbeutet werden, ist in keiner Form auszuschliessen, doch kann nur ein Fressverhalten, welches vorwiegend auf Fische ausgerichtet ist, das eindrucksvolle Wachsen dieser Marmorierten  Forellen erklären. 

 Marmorata
marmorierte Forelle (Foto: Eva Geigl)
Ein Bericht von Vito Adami
Bilder: Mikroskopische Aufnahme: Claudio Temellin